Die Rohstoffkrise zwingt Europas Industrie zum Umdenken – und eröffnet zugleich enorme Chancen. Niclas-Alexander Mauß erklärt, wie Unternehmen durch Kreislaufwirtschaft ihre Zukunft sichern und neue Märkte erschließen.

Was lange als warnende Prognose galt, wurde 2025 bittere Realität: Die physische Verfügbarkeit strategischer Rohstoffe riss ab. Chinesische Exportrestriktionen führten zu Produktionsstillständen bei deutschen Antriebsherstellern, da Permanentmagnete fehlten. Diese Entwicklung zeigt: In einer multipolaren Weltordnung ist der Zugriff auf Primärrohstoffe keine Selbstverständlichkeit mehr. Wer das Material nicht besitzt, kann nicht produzieren – der Preis wird dabei zur Nebensache.
Die Antwort auf diese Versorgungskrise liegt nicht allein in der Suche nach neuen Minen, sondern in einem fundamental intelligenteren Umgang mit Ressourcen: der Kreislaufwirtschaft. Was schon längst ein ökologischer Imperativ war, wird nun zur schlichten Notwendigkeit.
Die Potenziale der Kreislaufwirtschaft
Und diese Notwendigkeit birgt gewaltige Chancen, gerade für Deutschlands „Hidden Champions“. Denn die Kernprinzipien der Kreislaufwirtschaft sind technologisch und kulturell ohnehin bereits tief in der DNA des deutschen Ingenieurwesens verankert. Mit kurzlebiger Massenware kann der Standort Deutschland kaum gewinnen. Das hiesige Erfolgsrezept lag stets in technischer Exzellenz, langlebigen Produkten und in Servicebeziehungen, die Jahrzehnte überdauern.
Wer Produkte so entwickelt, dass sie repariert, aufgearbeitet und recycelt werden können, sichert Wertschöpfung weit über den ersten Verkaufszyklus hinaus. Dies reduziert die Abhängigkeit von volatilen Lieferketten und bindet Kunden langfristig. Die Zirkularität wirkt somit als Turbo für klassische unternehmerische Tugenden, während Studien das Potenzial auf eine Nettowirtschaftsleistung von 1,8 Billionen Euro bis 2030 in Europa beziffern.
Geringere Materialkosten und wettbewerbsfähige Preise
Wie sehr Zirkularität und Wirtschaftlichkeit zusammengehen, beweist der baden-württembergische Messtechnikhersteller Lorenz. Statt dem Preisdruck durch Verlagerung oder low-cost Materialien zu begegnen, setzte das Unternehmen auf die Qualität, Langlebigkeit und Intelligenz der eigenen Geräte.
Am Nutzungsende werden diese systemisch zurückgeführt, im Werk aufbereitet und als Ganzes oder komponentenweise erneut dem Produktionsprozess zugeführt. Das Ergebnis: massiv reduzierte Materialkosten und wettbewerbsfähige Preise durch eine überlegene Gesamtkostenbetrachtung.
Dieses robuste Geschäftsmodell ermöglichte es Lorenz, die Produktion am Standort zu sichern, den Umsatz binnen 20 Jahren auf über 52 Millionen Euro zu verzehnfachen und von unter 60 auf über 350 Mitarbeitende zu wachsen.
Diese Unternehmen setzen auf Kreislaufwirtschaft
Denn die größte Hürde der Transformation ist nicht technischer, sondern organisatorischer Natur. Sie erfordert eine wertschöpfungskettenübergreifende Zusammenarbeit. Hersteller sind auf den Zugriff auf Endprodukte sowie auf Kooperationen mit Recyclern angewiesen, um Sekundärströme zu erschließen.
Darüber hinaus fungieren gerade auch Start-ups als Taktgeber. So errichtet das Aachener Start-up Cylib in Dormagen eine der größten Batterierecyclinganlagen Europas, während Solar Materials in Magdeburg PV-Module recycelt und somit praktisch die größte Silbermine Deutschlands betreibt.
Wenn etablierte Unternehmen miteinander und mit den Newcomern kooperieren, entstehen Blaupausen für die Zukunft. Der Weltmarktführer ebm-papst treibt mit Kunden wie Güntner das Refurbishment oder Retrofit von Ventilatoren voran, während Antriebshersteller gemeinsam mit Recyclern an der Wiederverwertung von Magneten arbeiten.
BMW und Siemens realisieren gemeinsam mit Circular Republic und weiteren großen wie kleinen Partnern ein zweites Leben für Industrieelektronik und Automatisierungstechnik. Diese Projekte zeigen: Wer aus der Not der Ressourcenknappheit eine Tugend macht, sichert sich auch in turbulenten Zeiten nicht nur die nötigen Materialien, sondern die Existenz- und Wachstumsgrundlage seines Unternehmens.
Niclas-Alexander Mauß
Zur Person
Dr.-Ing. Niclas-Alexander Mauß ist Mitgründer von Circular Republic, einer Initiative von UnternehmerTUM. Mit seinem Team arbeitet er mit Großunternehmen, Mittelstand und Start-ups zusammen, um die Kreislaufwirtschaft durch Produkt- und Geschäftsmodellinnovationen sowie branchenübergreifende Umsetzungsprojekte voranzutreiben.


