Nachhaltige Mobilität: In Heilbronn nehmen neue Verkehrskonzepte Fahrt auf

Die Stadt Heilbronn ist European Green Capital 2027 und setzt damit Impulse für die Region. Auch nachhaltige Mobilität rückt für Unternehmen in den Fokus. Prof. Dr. Jens Hujer von der Hochschule Heilbronn erklärt, welche Technologien wichtig sind.

Nachhaltige Mobilität
Straßenbahnen und Busse prägen den öffentlichen Nahverkehr in Heilbronn und gewinnen weiter an Bedeutung. Foto: Stadt Heilbronn

Heilbronn wurde Ende 2025 als Europas grüne Hauptstadt 2027 ausgezeichnet. Was bedeutet das für nachhaltige Mobilität und Logistik in der Region?

Prof. Dr. Jens Hujer: Die Transformation Heilbronns zur European Green Capital 2027 beschleunigt den Ausbau einer nachhaltigen Infrastruktur, die als Vorbild für emissionsfreie Logistik und moderne Stadtplanung dient. Gleichzeitig führen das dynamische Wirtschaftswachstum und neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu einem Anstieg der regionalen Pendlerströme. Neue Quartiere greifen diesen Bedarf auf, indem sie Wohnraum und Arbeitsplätze intelligent verknüpfen und so das Konzept der kurzen Wege im urbanen Raum realisieren. Der Bildungsstandort Heilbronn und das IPAI sichern dabei die technologische Innovationskraft, die für eine zukunftsfähige Mobilitätswende in der Region unerlässlich ist.

Wie zeigt sich diese Innovationskraft im Verkehrs‑ und Logistiksystem?

Hujer: Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz sowie digitalen Zwillingen ermöglicht die präzise Steuerung und Optimierung komplexer Verkehrs‑ und Logistikprozesse in Echtzeit und verbessert dadurch die Kosteneffizienz. Jobtickets können die Verkehrsmittelwahl beeinflussen und Unfallkosten einsparen. Auch autonomes Fahren, die Nutzung der 3. Dimension Luft sowie nachfrageadäquate und flexible ÖPNV‑Angebote werden die Wirtschaftlichkeit künftig weiter verbessern.

Wie Unternehmen nachhaltige Mobilität umsetzen

Sie forschen seit vielen Jahren zu nachhaltiger Mobilität und vernetzten Logistiksystemen. Was ist aus Ihrer Sicht aktuell die wichtigste Erkenntnis für Unternehmen?

Hujer: Intermodale Verkehrssysteme werden künftig eine zentrale Rolle spielen, da sie verschiedene Verkehrsträger intelligent verknüpfen und nahtlose, effiziente Mobilitätsketten ermöglichen. Parallel entwickelt sich autonomes Fahren zu einer wichtigen Technologie, da selbstfahrende Fahrzeuge präzise, sichere und datenbasierte Transportabläufe unterstützen. In der vernetzten Logistik werden Echtzeitdaten über Plattformen geteilt, wodurch Transportwege dynamisch angepasst und Ressourcen optimal genutzt werden können.

Viele Unternehmen müssen ihre Mobilität derzeit nachhaltiger, effizienter und digitaler gestalten. Welche strukturellen Veränderungen beobachten Sie?

Hujer: Unternehmen erleben eine starke strukturelle Verschiebung hin zur Elektrifizierung. Ladeinfrastruktur, Energiemanagement und IT müssen dabei eng verzahnt werden. Mobilität wird zunehmend zu einer bereichsübergreifenden Aufgabe, da neben technologischen Fragen vor allem organisatorische und kulturelle Veränderungen notwendig sind. Gleichzeitig ersetzt eine datenbasierte Mobilitätssteuerung klassische Fuhrparkprozesse und schafft neue Anforderungen an Transparenz und Reporting.

Verändert sich damit auch das Mobilitätsangebot für Beschäftigte?

Hujer: Ja. Mobilitätsangebote werden vielfältiger, da flexible Mobilitätsbudgets, Sharing‑Modelle und ÖPNV‑Optionen stärker integriert werden. Nachhaltigkeitsvorgaben wie die EU‑Richtlinie Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) zwingen Unternehmen dazu, Mobilität erstmals messbar und strategisch planbar zu machen. Digitale Plattformen und Buchungssysteme werden dabei zum Schlüssel für Effizienz und Nutzerfreundlichkeit. Zudem verändern neue Mobilitätsanforderungen die Standort‑ und Flächenplanung, etwa durch Ladezonen, Fahrradflächen und intelligentes Parkraummanagement.

Weshalb die Integration der Mobilitätsangebote noch ausbaufähig ist

Alternative Antriebe, insbesondere Elektromobilität, gewinnen an Bedeutung. Worauf sollten Unternehmen achten?

Hujer: Zunächst sollten Unternehmen prüfen, ob ihre Standorte über ausreichende elektrische Anschlussleistungen verfügen, und frühzeitig ein intelligentes Lastmanagement einplanen. Wichtig ist außerdem, die Ladeinfrastruktur strategisch anhand der Nutzungsprofile zu dimensionieren. Eine sorgfältige Auswahl der Fahrzeugmodelle nach realen Reichweiten, Einsatzszenarien und klimatischen Bedingungen erhöht die Effizienz erheblich. Digitale Systeme zur Überwachung von Ladeprozessen und Energieverbrauch sorgen für Transparenz und Steuerbarkeit.

Wenn sie die aktuelle Situation mit einem möglichen Szenario in fünf bis zehn Jahren vergleichen: Wo liegt die größte Lücke in der betrieblichen Mobilität?

Hujer: Die größte Lücke liegt in der fehlenden Integration aller Mobilitätsangebote zu einem einheitlichen, intelligent steuerbaren Gesamtsystem. Heute nutzen viele Unternehmen Insellösungen, die unzureichend vernetzt sind und keine gemeinsame Datenbasis haben. Gleichzeitig steigen die Anforderungen durch Elektrifizierung, CSRD‑Reporting und multimodale Mobilitätsangebote schneller als die bestehenden Strukturen. Besonders fehlen verlässliche Mobilitätsdaten, skalierbare Ladeinfrastruktur und automatisierte Steuerungsprozesse.

Welche Rolle spielt dabei die Unternehmenskultur?

Hujer: Viele Unternehmen sind organisatorisch noch stark im traditionellen Firmenwagenmodell verankert. Mitarbeitende erwarten jedoch zunehmend flexible, nachhaltige und digital unterstützte Mobilitätsoptionen von attraktiven Arbeitgebern.

Was bei der betrieblichen Mobilitätstransformation zu beachten ist

Welchen Rat geben Sie Unternehmen in Heilbronn‑Franken, die erst am Anfang ihrer Mobilitätstransformation stehen?

Hujer: Unternehmen sollten mit einer Bestandsaufnahme beginnen, um Transparenz über Nutzung, Kosten und Bedürfnisse zu schaffen. Mobilität sollte dabei nicht nur als Fuhrparkmanagement, sondern als strategisches Thema über die gesamte Organisation verstanden werden. Pilotprojekte helfen, schnell zu lernen und Akzeptanz aufzubauen. Wichtig ist es außerdem, frühzeitig strukturierte Mobilitätsdaten zu sammeln und Ladeinfrastruktur mitzudenken.

Welche Rolle spielen dabei die Mitarbeitenden für den Erfolg solcher Strategien?

Hujer: Mitarbeitende müssen aktiv einbezogen und gut informiert werden. Gamification‑Ansätze können zusätzlich motivieren, auf Fahrrad, ÖPNV oder Fahrgemeinschaften umzusteigen. Das fördert Nachhaltigkeitsziele, verbessert die Gesundheit und stärkt das Teambuilding.

Interview von Teresa Zwirner

Foto: HHN

Zur Person

Prof. Dr. Jens Hujer ist Professor an der Hochschule Heilbronn und forscht seit vielen Jahren zu nachhaltiger Mobilität, vernetzten Verkehrssystemen und Logistik. Seine Arbeit fokussiert sich auf intermodale Mobilitätskonzepte, Digitalisierung sowie den Einsatz von Daten, KI und autonomem Fahren zur Optimierung von Verkehrs- und Lieferprozessen.


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