Frederic Heigel und das PROMAGAZIN teilen sich den Geburtsjahrgang 2000 – und auch der 25-Jährige kann eine Erfolgsgeschichte erzählen. Mit seinem preisgekrönten Start-up „Userwill“, das die Bürokratie bei Todesfällen für Angehörige automatisiert, hat er sich bewusst für Heilbronn entschieden.

Herr Heigel, Ihr Start-up „Userwill“ automatisiert im Todesfall die Bürokratie für Angehörige. Zunächst hatten ihre Freunde und Sie ehrenamtlich in Hospizen beraten. Was hat Sie bewogen, Ihre Idee zu kommerzialisieren?
Frederic Heigel: Zunächst ist wichtig: Userwill ist immer noch für Menschen in der palliativen Betreuung kostenlos. Trotzdem habe ich schnell gemerkt: Wenn man in der Palliativmedizin helfen möchte, braucht man Struktur. Irgendwann war klar: Damit Userwill Datensicherheit gewährleisten kann, müssen wir das Ganze professionalisieren. Denn wir wollten keine billigen Server im Ausland mieten, sondern unsere Infrastruktur in Deutschland belassen. Und da blieb nur, ein Unternehmen zu gründen.
Soziales und unternehmerisches Denken widersprechen sich Ihrer Ansicht nach also nicht?
Heigel: Es gibt in der Region viele Beispiele von Unternehmern, die sich für soziale Belange einsetzen. Das gehört bei vielen zur Unternehmenskultur. Mich beeindruckt das vielfältige soziale Engagement für Faktoren wie Inklusion, Kunst, Bildung und vieles mehr von Unternehmern in Heilbronn-Franken, Baden-Württemberg und Deutschland insgesamt. Es wird gerade in dieser Region deutlich, dass Arbeit etwas wert ist – indem viele Mitarbeiter mehr verdienen als den Mindestlohn.
Auch Sie wollen in der Gesellschaft ein Umdenken fördern. Aber wie kommt man als junger Mensch in Berührung mit dem Thema Sterben, das oft sprichwörtlich totgeschwiegen wird?
Heigel: Es war die Erfahrung, die ich in der Jugend und in der Familie mit dem Thema gesammelt habe, die mich antrieb. Im Laufe des Lebens wurde ich mit mehreren Todesfällen konfrontiert, im Freundeskreis und in der Familie. Wir müssen den Tod enttabuisieren. Das Thema gibt einem eine ganz andere Wertschätzung für das Leben, Natur, Gesundheit, für Freundschaften, für Zeit an sich.
Und im eigenen Umfeld sahen Sie, dass sich Angehörige mit dem „digitalen Leben“ von Verstorbenen beschäftigen mussten – mit ihren E-Mail- und Social-Media-Accounts, Zugängen und Passwörtern. Ein digitaler Nachlass kann sehr umfangreich sein.
Heigel: Ja, wir stellten fest, dass es Missstände im Internet gibt. Und wenn man mit diesen Missständen selbst konfrontiert wird, denkt man darüber nach, wie man helfen könnte. Schon in der Schule habe ich mir gern Lösungen für Probleme überlegt.
Daraus entstand die Idee zu Userwill, einer Software, die Spuren der digitalen Identität nach dem Tod löscht und Erinnerungen konserviert.
Heigel: Meine Freunde und ich berieten damals zunächst in Hospizen Angehörige. Aus unseren eigenen Erfahrungen mit Nachlassverwaltung hatten wir eine gewisse Kompetenz. Wir erklärten, wie man Zugriff auf Accounts bekommt und welche Formulare man in den Sozialen Medien wie ausfüllen muss, damit ein Account stillgelegt wird. Das ist oft sehr aufwändig, je nachdem, wie viele Online-Zugänge jemand zu Lebzeiten hatte.
Haben Sie erlebt, dass es makabre Folgen hatte, wenn Accounts und digitale Abonnements von Verstorbenen einfach weiterliefen?
Heigel: Da gibt es tausende Beispiele. Etwa, wenn Algorithmen Geburtstagsmeldungen versenden, obwohl die Person nicht mehr lebt. Wenn man sieht, wie viele falsche Informationen in der Welt kursieren, ahnt man: Das endet nicht mit dem Tod.
Gegründet haben Sie seinerzeit noch in Hessen, wo sie aufgewachsen sind.
Heigel: Ich habe die Userwill GmbH während meiner Informatikausbildung in Bad Homburg gegründet. Unser erster TV-Bericht über unsere Unterstützung im Hospiz lief damals in den Abendnachrichten des Hessischen Rundfunks. Das war eine Art Startschuss, danach wurden wir mit Anfragen überflutet. Das verdeutlichte uns noch einmal, wie groß das Problem ist und dass viele Menschen Hilfe benötigen.
Was gab den Ausschlag für Heilbronn?
Heigel: Wir haben unseren Firmensitz kurze Zeit später auf den Bildungscampus verlegt. Vom Gefühl her war es eine Mischung aus Mensa und Experimenta. Mich reizten die Visionen, die man hier hat und das Gefühl, verstanden zu werden. Wenn ich beobachte, wie sich in der Mensa des Bildungscampus Studierende und Schüler begegnen, denke ich: Wie cool wäre das gewesen, hätte ich als Schüler diese Möglichkeit gehabt. Auch die Experimenta, IPAI und die Ziele von Schwarz Digits und des Molit Instituts waren Magneten für mich. Geschichten von Menschen, die aus Kalifornien oder Barcelona hierher gezogen sind, waren ein Signal.
Haben Sie Vorbilder gesucht?
Heigel: Keine Frage, viele Persönlichkeiten aus der Region hatten Vorbildfunktionen. Man sollte sich da gar nicht auf bestimmte Namen festlegen. Aber Persönlichkeiten wie Herr Schwarz oder Herr Würth zeigen, dass ihnen daran gelegen ist, Barrieren im Kopf abzubauen und Gutes für die Gesellschaft zu tun. Junge Menschen brauchen unternehmerische Vorbilder, auch, um Chancengerechtigkeit hinzubekommen. Die kommt beim Gründen immer noch viel zu kurz. Immer noch gibt es viel zu wenig Gründer, die aus Ausbildungsberufen kommen. Da war es schön zu sehen, dass die IHK und die Campus Founders mit dem Elevator Pitch regional eine Bühne bieten und die jungen Menschen für solche Präsentationen fit machen.
Hat bei Userwill gut funktioniert: Beim Elevator Pitch der IHK Heilbronn-Franken und der Campus Founders haben Sie auf regionaler Ebene aus dem Stand den ersten Platz belegt. Sie sind offenbar wortwörtlich gut in der Region angekommen.
Heigel: Wettbewerbe sagen allerdings wenig über die Start-ups aus. Ein Pitch ist eine Momentaufnahme, ohne tiefere Einblicke in Technologien. Ich denke aber, dass es kein schlechtes Zeichen für Heilbronn ist, wenn die Gründer – und es gibt ja viele in unserem Ökosystem – Auszeichnungen erhalten. Es ist spannend, hier als junger Mensch mitzuwirken und Perspektiven einzubringen.
Sehen Sie Heilbronn und die Region als Inkubator für Fortschritt?
Heigel: Ich bin ein großer Fan von Schmetterlingseffekten. Die Chancen auf solche Effekte steigen, wenn man Menschen zusammenbringt. Heilbronn ist ein Ort, wo solche Wirkungen schneller möglich werden – zumindest, wenn wir mal einen ICE- oder Flixtrain-Anschluss haben.
Sind Sie auch ein Fan von Schwarmintelligenz? Die kann ja auch zu kollektiven Fehlentscheidungen führen…
Heigel: Schwarmintelligenz ist eine gute Sache. Aber sie funktioniert nur, wenn man versteht, dass Bildung unser wichtigster Rohstoff ist. Aber auch dafür ist Heilbronn der richtige Ort. In der Experimenta werden schon kleine Kinder für Wissenschaft und Zukunft interessiert. Für mich ist es faszinierend, in einer Umgebung zu sein, in der man Bildung neu denken möchte. Aktuell kochen noch viele ihr eigenes Süppchen, daran hat Heilbronn vielleicht noch zu knabbern. Aber sobald man das hinbekommt, kann noch viel Gutes entstehen.
Das heißt, Sie wünschen sich noch mehr Kooperation untereinander?
Heigel: Ja, zwischen Bildungseinrichtungen, zwischen den Unternehmen, den Menschen, der Stadt auf lokaler Ebene – das wird aber durchaus angegangen. Userwill gedeiht in einer vitalen Umgebung, die sehr leistungsfokussiert ist.
Leistungsfokussiert klingt anstrengend. Schreckt das nicht ab?
Heigel: Ich finde das sogar sehr gut. Junge Leute, die feiern wollen, sollten ihr Glück wohl eher an anderen Orten suchen. Aber Menschen, die Leistung bringen und sich in die Gesellschaft einbringen wollen, die sich bilden und daran arbeiten wollen, die Menschheit nach vorn zu bringen, sind in Heilbronn gut aufgehoben.
Interview von Natalie Kotowski
Zur Person
Frederic Heigel startete das Projekt 2020 als ehrenamtliche Initiative, 2022 gründete er die Userwill GmbH in Frankfurt am Main. Seit 2023 ist das Start-up auf dem Bildungscampus Heilbronn beheimatet und wurde mehrfach ausgezeichnet.


