Dr. Benedikt Herles ist Strategieberater, Autor und gefragter Experte unter anderem beim Fernsehsender ntv. Der Leiter des Geopolitics- und Defence-Zentrum bei KPMG hat beim Gipfeltreffen der Weltmarktführer gezeigt, wie wichtig für Unternehmen in Heilbronn-Franken und Deutschland solides Risikomanagement in unsicheren Zeiten ist.

Herr Herles, das Wort Resilienz ist gefühlt erst seit Ende der 2010er Jahre ins allgemeine Bewusstsein eingesickert. Früher nannte man jemanden, der Stress und Krisen aushielt und sogar an ihnen wachsen konnte, schlicht flexibel und belastbar. Wird der Begriff Resilienz aus Ihrer Sicht heutzutage zu inflationär gebraucht?
Dr. Benedikt Herles: Das Wort wird heute sicherlich sehr häufig gebraucht. Das liegt aber auch daran, dass wir in herausfordernden Zeiten leben, die Unternehmen und auch jedem einzelnen Menschen viel abverlangen. Deshalb überrascht es nicht, dass wir viel über den richtigen Umgang mit Volatilität und Krisen reden.
Im Dezember 2025 veröffentlichten Sie gemeinsam mit Ihrem KPMG-Kollegen Timo Herold die Studie „Navigating Geopolitics – Risikomanagement, Forecasting und Best Practises in deutschen Unternehmen“. Dafür befragten Sie 349 Führungskräfte aus zwölf Branchen zu ihrem Umgang mit geopolitischen Bedrohungen wie Cyberrisiken, Exportkontrollen, Rohstoffsicherheit und mehr. Das Ergebnis: Nur jedes vierte Unternehmen betreibt aktiv Risikomanagement und Forecasting. Ist das kurzsichtig?
Herles: Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Bewusstsein für geopolitische Risiken in Unternehmen größtenteils vorhanden ist. Gleichzeitig gilt es für viele Organisationen jetzt den nächsten Schritt zu gehen. Das bedeutet zum einen, strukturiertes geopolitisches Risikomanagement und Forecasting zu betreiben, zum anderen darauf aufbauend dann strategische Schlussfolgerungen zu ziehen und entsprechend auch umzusetzen.
Der Umgang mit geopolitischen Risiken
Unternehmen halten offenbar nicht gern nach Schwarzen Schwänen Ausschau und unterschätzen unvorhergesehe Ereignissen und deren Risiken.
Herles: Tatsächlich muss man heute mit Szenarien rechnen, die vor einigen Jahren noch als komplett unrealistisch gegolten hätten. Vom Brexit bis zum Einmarsch Russlands in die Ukraine – die jüngste Geschichte zeigt, wie schnell Schwarze Schwäne real werden können. Für viele Manager ist dieses Denken in Extremszenarien noch ungewohnt.
Das trifft den Studienergebnissen nach besonders auf den Maschinenbau zu. Ausgerechnet eine Branche, die traditionell stark in Heilbronn-Franken als Region der Weltmarktführer ist, scheint sich kaum mit geopolitischen Risiken beschäftigen. Nur jedes zehnte Unternehmen setzt sich mit dem Thema auseinander. Was raten Sie?
Herles: Richtig, gerade der Maschinenbau mit seiner Exportorientierung ist von geopolitischen Dynamiken stark betroffen. Auch für die Weltmarktführer der Region gilt: Traditionell besteht eine große Abhängigkeit von China und den USA. Jetzt ist es wichtig, geografisch zu diversifizieren, um strukturelle Risiken zu reduzieren. Das beginnt bei der Rohstoffbeschaffung – Stichwort Seltene Erden – und endet bei der Erschließung neuer Absatzmärkte.
Worauf sollten regionale Unternehmen den Fokus legen: Auf Rohstoffe, stabile Lieferketten oder Zollpolitik?
Herles: Der Fokus hängt vom einzelnen Geschäfts- und Betriebsmodell ab. Klar ist aber, dass Geopolitik viele Facetten hat. Das macht den Umgang mit der aktuellen Lage nicht einfacher. Alle von Ihnen genannten Themen sind wichtig. Dazu kommen noch weitere, etwa die Stärkung der Unternehmenssicherheit im Angesicht der aktuellen hybriden Lage und der Bedrohung durch Sabotage und Cyberangriffe.
Neue Möglichkeiten durch geopolitische Dynamiken
Was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Schritte, um als Unternehmen Veränderungen nicht hilflos ausgeliefert zu sein?
Herles: Wichtig ist, erst einmal klare Verantwortlichkeiten zu schaffen – idealerweise im Vorstand. Die aktuelle geopolitische Dynamik erfordert eine klare Aufgabenverteilung in der Organisation. Zweitens ist es wichtig, Risiken und Szenarien fachbereichübergreifend zu adressieren. Typischerweise beschäftigen sich verschiedene Abteilungen mit Geopolitik, etwa Risikomanagement, Controlling, Strategie und mehr. In der aktuellen Weltlage ist ein ganzheitlicher und integrierter Ansatz wichtig. Drittens, und das wird meistens vernachlässigt, sollten nicht nur Risiken, sondern auch Chancen betrachtet werden. Sei es die Integration von Wertschöpfungsstufen oder die Expansion in neue Märkte. Aktuell entstehen durch geopolitische Dynamiken auch neue Opportunitäten.
Fallen Ihnen positive Beispiele für solche neuen Chancen und gelungene Resilienzstrategien in Heilbronn-Franken ein? Ventilatorenbauer Ziehl-Abegg hat beispielsweise eine Aufzugsmaschine entwickelt, die statt mit Seltenen Erden mit Ferrit arbeitet – auch aus strategischen Gründen.
Herles: Ein super Beispiel. Selbst beim schwierigen Thema Seltene Erden gibt es Chancen, beispielsweise die Vermeidung von bestimmten Elementen oder auch das ganz wichtige Thema Recycling. Kreislaufwirtschaftliche Strukturen sind ein Rohstoff-Pfad der Zukunft und schaffen letzten Endes geopolitische Resilienz.
Europa und der Multilateralismus
Wo liegen die Chancen für die Region und für Deutschland, um mithilfe von Zukunftsszenarien zu wachsen?
Herles: Das Verständnis von Szenarien ist die Basis, um eigene Verwundbarkeiten und eben auch Chancen zu identifizieren. Viele Unternehmen wollen jetzt in die Rüstungsbranche einsteigen. Das Stichwort lautet Dual Use Technologien, die zivil und militärisch einsetzbar sind. Es liegt auf der Hand, dass auch Betriebe von den gestiegenen Rüstungsbudgets profitieren wollen. Allerdings gibt es noch viel mehr neue Opportunitäten. In Rohstoffbeschaffung, aber auch geografischer Diversifikation von Absatzmärkten jenseits von China und den USA liegen Chancen.
Welche Rolle sollte aus Ihrer Sicht Europa in diesem Prozess einnehmen?
Herles: Ohne europäische Zusammenarbeit werden wir uns als deutsche Volkswirtschaft im aktuellen geopolitischen Umfeld nicht behaupten können. Zusammen sind wir größter Binnenmarkt der Welt und haben einen entsprechenden globalen politischen Hebel. In Zeiten, in denen der Multilateralismus unter Druck steht wie seit Jahrzehnten nicht mehr, ist die Europäische Integration wichtiger denn je.
Sehen Sie denn aktuell Schritte in die richtige Richtung? In „Herles‘ Zukunftsblick“, den Sie seinerzeit als Kolumnist für das Magazin Capital regelmäßig auf die Wirtschaft warfen, sprachen Sie sich schon 2022 für größere Souveränität Europas aus.
Herles: In konkreten Themen zeigt sich leider immer wieder, wie schwierig es ist, Souveränität auf europäischer Ebene umzusetzen. Man denke an die Herausforderungen beim Mercosur-Abkommen oder auch in der europäischen Verteidigungspolitik und in Projekten wie dem Future Combat Air System (FCAS). Viel zu oft verlangsamen nationale Einzelinteressen wichtige politische Maßnahmen und Prozesse.
Die größte Chance für Deutschland
Sie sind nicht nur Volkswirt und KPMG-Berater, sondern auch Autor. In ihrem Buch „Zukunftsblind“ warnen Sie davor, die Transformationswucht zu unterschätzen, die Robotik, künstliche Intelligenz und Gentechnik mit sich bringen können. Warum sollen Unternehmen – aber auch Privatmenschen – bei diesen Thema achtsam sein?
Herles: Die Beschleunigung des technologischen Fortschritts ist atemberaubend. Menschen sind generell schlecht darin, exponentielle Entwicklungen zu antizipieren. Man denke nur an die Sprünge in den Fähigkeiten künstlicher Intelligenz in den letzten Jahren. Wer hat das vor zehn Jahren wirklich kommen sehen? Ich bin ein grundsätzlich optimistischer Mensch und glaube, dass Technologie ein Schlüsselelement zur Lösung vieler unserer Probleme ist – von der demografischen Entwicklung bis zum Schutz des Klimas. Aber wir sollten uns viel mehr Gedanken über die langfristigen gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen einer radikalen technologischen Transformation machen.
Wie Sie selbst sagen, liegt im Wandel aber auch eine Chance. Worin könnte diese Chance für Deutschland bestehen?
Herles: Die große Chance für Deutschland ist sicherlich das Überkommen unseres alten Modells: Billige Energie aus Russland, Exporte nach China, kostenlose Sicherheit bereitgestellt durch die USA. Die Etablierung eines alternativen Modells wird lange dauern und wird uns auch Wohlstand kosten. Und sie ist nicht nur eine Aufgabe der Politik. Letzten Endes ist jedes große Unternehmen gefragt.
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Der Volkswirt, Autor und Strategieberater Benedikt Herles hat für KPMG Deutschland den Aufbau eines Geopolitics & Defence Kompetenzzentrums mitverantwortet. Von ihm stammen die Buchtitel „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ und „Die kaputte Elite – Ein Schadensbericht aus unseren Chefetagen“. Er ist regelmäßiger Interviewpartner im Nachrichtensender n-tv und Experte für aktuelle Themen wie Geopolitik, Makroökonomik und Klima.


