Wohnraum im Überholspur-Modus: Was der Bau-Turbo für Heilbronn-Franken bedeutet

Mit dem sogenannten Bau-Turbo will die Bundesregierung die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Städte und Gemeinden einfacher bauen, nachverdichten und aufstocken können. Das bedeutet Chancen für die Region.

Bau-TUrbo
Die Hoffnung ist groß, dass der Bau-Turbo der Bundesregierung auch das regionale Handwerk stärkt. Foto: Adobe Stock/Kwangmoozaa

Das Prinzip des Turboladers muss die Politiker in Berlin stark beeindruckt haben. Der Turbo als Synonym für Schnelligkeit und Effizienz ist vielleicht nicht die originellste Metapher. Verena Hubertz, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, nutzt sie trotzdem für ihre Initiative Bau-Turbo. Denn so, wie der Verdichter die Motorleistung erhöht und Autos beschleunigt, sollen nach dem Willen der Bundesregierung deutschlandweit nun schneller die Bagger auf Baustellen rollen.

Das Ziel: mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen. In Heilbronn-Franken blickt man vorsichtig optimistisch auf die angekündigten Erleichterungen, die Mitte Oktober den Bundesrat passierten. War Bauplanung zuletzt doch gerade kein Synonym für Schnelligkeit und Effizienz, sondern für zeitfressende baurechtliche Vorgaben und Bürokratie.

Der Bau-Turbo soll die Bürokratie reduzieren

Das will die Regierung für die kommenden fünf Jahre ändern: Länder und Kommunen sollen Planverfahren künftig in wenigen Monaten statt mehreren Jahren umsetzen können. Vorschriften werden gelockert, sodass Städte und Gemeinden unter anderem leichter Bestandsgebäude umnutzen, Geschosse aufstocken, Innenstädte nachverdichten oder Hinterland bebauen können.

Weniger Bürokratie spart Kosten, mehr Gestaltungsspielräume führen zu mehr Bauvorhaben, der Markt reagiert auf mehr Wohnraumangebot wiederum mit sinkenden Mieten. Das ist, kurzgefasst, das Ziel der Gesetzesänderung.

Zuletzt hatte es bereits so ausgesehen, als ob sich die Lage stabilisiere: Verglichen mit dem Vorjahr war die Zahl der Baugenehmigungen für neue Wohnungen schon vor der „Bau-Turbo“-Initiative deutschlandweit um 59,8 Prozent gestiegen, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Laut Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) entsprach das von Januar bis September 175.600 genehmigten Wohnungen.

Heilbronn-Franken könnte landesweit die Pole Position erreichen

Was die Wirkung des Bau-Turbos angeht, mag in Heilbronn-Franken nach dieser kurzen Zeit noch niemand eine Prognose abgeben. Zuversicht herrscht aber: Viele kommunale Entscheider verbinden mit den Erleichterungen die Chance, dass Investoren, Projektierer und Gewerke Gas geben können.

„Der so genannte Bau-Turbo ist ein wichtiger Schritt zur Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren“, ist Ralf Schnörr überzeugt. Der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Heilbronn-Franken (HWK) hofft, dass die Gesetzesänderung ihre Wirkung entfaltet, Genehmigungen tatsächlich schneller erteilt werden und die Bautätigkeit steigt.

Dabei befindet sich Heilbronn-Franken im Vergleich zu anderen Regionen Baden-Württembergs beim Wohnungsbau schon jetzt auf der Überholspur: Seit 2014 stieg der Wohnungsbestand zwischen Neckar und Tauber um annähernd acht Prozentpunkte, wie der Regionalverband auf Grundlage der Daten des Statistischen Landesamts berechnete. Bedeutet: Platz zwei hinter Bodensee-Oberschwaben und deutlich mehr Zuwachs als im Landesdurchschnitt, der bei etwa 6,5 Prozent liegt.

Mit dem Bau-Turbo könnte die Region nun auf die Pole Position rutschen, hoffen viele. „Er kann Impulse schaffen – zumindest in den Fällen, in denen bislang bauplanungsrechtliche Hindernisse vorhanden sind“, sagt Klaus Holaschke, Oberbürgermeister von Eppingen. Für seine Stadt bringe der Turbo vor allem bei Innenentwicklung, Nachverdichtung und Umnutzung Chancen. „Ein höheres Bautempo kann, ich möchte sagen: muss sich positiv auf die regionale Bauwirtschaft auswirken“, konstatiert er.

Wird das Handwerk vom Bau-Turbo profitieren?

Lokale Handwerksbetriebe, Bauunternehmen, Planungs- und Ingenieurbüros sowie andere Akteure können von einer gesteigerten Auftragslage profitieren – „denn der Betrieb vor Ort garantiert schnelle und zuverlässige Betriebswege und Ausführungen“, ein lebendiger Bausektor werde sich wiederum auf die gesamte wirtschaftliche Entwicklung der Region auswirken, Werte schaffen und Beschäftigung sichern.

„Wir haben in Eppingen eine sehr breit aufgestellte Handwerkerbranche, vor Ort verwurzelte Familienbetriebe und junge Unternehmen, die sich etabliert haben“, sagt der Eppinger Oberbürger-meister. Auf Impulse vor Ort setzt auch Holaschkes Amtskollege, der Öhringer Oberbürgermeister Patrick Wegener: „Indem mehr Projekte schneller umgesetzt werden können und zusätzliche Nachfrage geschaffen wird“, werde die Wirtschaftskraft in der Großen Kreisstadt und der Region nachhaltig gestärkt.

HWK-Geschäftsführer Schnörr unterstreicht den Wunsch, dass sich die Auftragsbücher der Handwerksbetriebe dank des Bau-Turbos füllen, doch „ob es so kommt, werden die kommenden Monate zeigen“, sagt er. Bislang sei die Stimmung durchwachsen, das zeige die Konjunkturumfrage zum dritten Quartal 2025. 71 Prozent der Mitglieder gehen nach seinen Angaben von einer unveränderten Ge-schäftslage aus. Zwar schätzten 54 Prozent der Handwerksbetriebe ihre Situation als gut ein – fünf Prozent mehr als im Vorquartal. „Der Wert steht aber eher für Ernüchterung als Aufbruch“, ordnet der HWK-Chef die Zahlen ein.

Hohe Baukosten belasten Familien und Investoren

Schnörr hofft, dass der Bau-Turbo anspringt. Doch um wirklich durchstarten zu können, sei er nur ein erster Schritt. Ergänzend braucht es aus seiner Sicht weiteren Bürokratieabbau, vereinfachte Verfahren auf Landesebene und eine verlässliche Förderstruktur, „denn Bauen ist für viele Familien mittlerweile zu teuer geworden“. Dabei stellten private Bauherren zwei Drittel aller Wohnbauvorhaben. „Die Förderlandschaft des Bundes und der Länder sind von zentraler Bedeutung“, befindet auch Öhringens Oberbürgermeister Wegener, „hier sind langfristige und nachhaltige Perspektiven gefragt.“

Nicht nur für Familien war Bauen zuletzt immer schwerer erschwinglich, auch für Investoren hatten sich Anlagen kaum noch gelohnt. Wegener hofft deshalb, dass die neuen Möglichkeiten der Entbürokratisierung zu einer gesteigerten Bautätigkeit und damit zu einer Senkung der Baukosten führen: „Sie sind aktuell der eigentliche Hemmschuh, warum es zu wenige Wohnungen, insbesondere bezahlbare Wohnungen gibt.“

So sieht es auch der Wertheimer Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez. Nicht Bauvorschriften seien in seiner Stadt ein Tempolimit für den Wohnungsbau, sondern die hohen Preise. „Wenn Projekte – derzeit besonders im Geschosswohnungsbau – nicht realisiert werden, liegt das nicht an den Genehmigungsverfahren, sondern an der Diskrepanz zwischen den Baukosten und den zu erlösenden Erträgen bei Verkauf oder Vermietung.“

Der Bau-Turbo könnte die Attraktivität für Investitionen erhöhen

Bauen sei in den letzten Jahren deutlich teurer geworden. Das schlage sich in höheren Erschließungskosten und damit gestiegenen Grundstückspreisen nieder. „Sie liegen auch in den Wertheimer Ortschaften bei bis zu 280 Euro pro Quadratmeter. Beim Geschosswohnungsbau haben Investoren Entstehungskosten von 4500 Euro pro Quadratmeter. Solche Preise mögen im Ballungsraum als marktgerecht gelten, in Wertheim sind sie durch Verkauf und Vermietung derzeit nur schwer refinanzierbar“, konstatiert Herrera Torrez.

Ähnlich wie in Main-Tauber und Hohenlohe sieht es im Heilbronner Land aus. Eppingens Stadtoberhaupt Holaschke räumt ein: „Das Angebot ist begrenzt“, die Nachfrage aber hoch, „vor allem für die Kernstadt mit ihrer guten Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr.“ Der Investitions- und Wohnungsbaumarkt sei „unverändert angespannt“, auch wenn die Stadtverwaltung kontinuierlich daran arbeite, gezielt Flächen für Wohnungsbau zu entwickeln. Immerhin: „Nach zunächst zögerlicher Umsetzung seitens des Bauträgers verwirklicht nun ein Projektierer im neuen Quartier „Zylinderhof III“ auf 4200 Quadratmetern fünf Wohnblöcke mit insgesamt 87 Wohnungen.“

Der Bau-Turbo könnte ein Zögern beenden. Denn er dürfte die Attraktivität für Investitionen steigern, prognostiziert Oberbürgermeister Wegener. „Schnellere Verfahren machen Wohnungsbauinvestitionen attraktiver“, stimmt auch HWK-Chef Schnörr zu: Wenn die Maßnahmen greifen, „hat der Bau-Turbo das Potenzial, die Misere im Bausektor abzumildern.“

Natalie Kotowski

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