Smartwatch schließt Marktlücke: Wie das Start-up Inclusys Zeit barrierefrei macht

Für den 25-jährigen Hauke Wendt und seinen Mitgründer Alexander Kuon kam nur Heilbronn für das gemeinsame Start-up „Inclusys“ infrage. Die Campus Founders halfen ihm, seine Smartwatch Zeitkompass für neurodivergente und kognitiv eingeschränkte Menschen auf den Markt zu bringen.

Inclusys
Inclusys-Gründer Hauke Wendt zeigt seinen Zeitkompass, der kognitiv eingeschränkten Menschen Struktur im Alltag gibt. Foto: Michael Behrens

Herr Wendt, Ihr Zeitkompass ist eine Smartwatch, die neurodivergenten oder kognitiv eingeschränkten Menschen hilft, durch ihren Alltag zu navigieren. Wie funktioniert das?

Hauke Wendt: Für Menschen mit Autismus, schweren Formen von ADHS, Epilepsie und Demenz sind symbolbasierte Tagespläne wichtig. Die Betroffenen benötigen oft Hilfe, um Abläufe zu sortieren – haben aber Probleme mit Uhrzeiten und Kalendern. Es ist wie mit Kindern auf einer langen Autofahrt, die dauernd fragen: Wann sind wir endlich da? Wenn man denen antwortet: in 47 Minuten, kommt meistens die gleiche Frage nach fünf Minuten wieder, weil die Angabe nicht so richtig greifbar ist. Auf unserer Uhr sieht man sowohl, was auf dem Tagesplan als nächstes ansteht, als auch den Fortschritt von Aktivitäten. So lernen Betroffene einzuschätzen, wie lange einzelne Tätigkeiten dauern und welche Reihenfolge korrekt ist.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Wendt: Mein jüngerer Bruder Kai hat Epilepsie und kognitive Einschränkungen. Er hatte immer schon Probleme mit Uhrzeiten, Kalendern und vielen Alltagsdingen. Für mich als Angehöriger war das eigentlich fast normal. Bis ich tatsächlich dann in meinem Studiengang Mensch-Computer-Systeme an der Uni Würzburg ein Seminar hatte. Dort ging es um Barrierefreiheit und inklusives Design – und darum, wie Technik Barrieren abbauen kann. So kam ich auf die Idee: Vielleicht kann ich für Kai das Leben ein bisschen einfacher machen. Daraus entstand ein Uni-Projekt, an dem ich mit meinem Mitgründer Alexander Kuon und einer weiteren Kommilitonin arbeitete.

Inzwischen trägt Kai Ihren Zeitkompass.

Wendt: Ja – und bei ihm funktioniert der Zeitkompass sehr gut beim Strukturieren des Alltags.

Start-up Inclusys bietet Zeitkompass-App für Handy, Smartphone und Tablet

Woran haben Sie erkannt, dass dieser Kompass auch anderen hilft?

Wendt: Die Erfolge konnten wir zum Beispiel im betreuten Wohnen messen und verbessern. Wir haben in einer Gruppe erst den Ist-Zustand und nach einer Weile dann die Verbesserung mit Zeitkompass gemessen. In einem anderen eindrucksvollen Versuchs-Design gab es A- und B-Wochen, wo wir mal mit, mal ohne Zeitkompass operiert haben.

Was kam dabei heraus?

Wendt: Wir merkten ziemlich schnell, dass Betroffene ihren Zeitkompass sehr vermissten, wenn er nicht mehr zur Verfügung stand. Im Autismusspektrum, in dem für Betroffene viele zwanghafte Routinen existieren, funktioniert die Zeitkompass Watch besonders gut: Wir hatten eine Versuchsperson, die, wenn sie staubsaugte, nicht mehr damit aufhören konnte. Die Zeitkompass Watch erinnerte sie: um 14 Uhr staubsaugen. Aber eben auch: Es ist 14:30 Uhr, jetzt ist Schluss mit Staubsaugen. Erst dann konnte die Person das Ganze auch mit gutem Gewissen beenden.

Inclusys hat offenbar eine Marktlücke geschlossen.

Wendt: Ja. Wir hatten zunächst die Zeitkompass-App für Handy, Smartphone oder Tablet entwickelt. Dort kann man individuelle Pläne erstellen. Diese Daten lassen sich inzwischen auf die Watch synchronisieren. Sie ist unser Hauptprodukt und seit Dezember vergangenen Jahres verfügbar. Wir haben auch schon erste Selbstzahlerkunden. Aber tatsächlich ist die Uhr seit März nun auch als Hilfsmittel gelistet. Dadurch können die Kosten von der Pflegekasse übernommen werden. Wir haben über 1000 Familien auf der Warteliste – sie können nun entsprechend die Anträge für das Hilfsmittel stellen.

Haucke Wendt zog für die Start-up-Gründung nach Heilbronn

Für Ihre Start-up-Gründung sind Sie nach Heilbronn gezogen, wo Ihr Unternehmen auch sitzt. Was gab den Ausschlag dafür?

Wendt: Ganz klar: die Campus Founders. Am Bildungscampus ist ein Start-up-Ökosystem entstanden, das sehr bereichernd ist. Wir waren anfangs rein wissenschaftlich aufgestellt. In Heilbronn gab es aber die richtigen Start-up-Programme. Dort wurden uns sehr viele Anfangsfragen beantwortet, und wir kamen in Austausch mit anderen Gründern – das war super wertvoll für uns.

Da haben Sie Heilbronn-Franken ja ein bisschen was zu verdanken …

Wendt: Ich habe der Region ganz viel zu verdanken. Und ich bin sehr, sehr happy hier.

Was inspiriert Sie in der Region besonders?

Wendt: Ich glaube, Dieter Schwarz kann für alle Gründer ein Vorbild sein. Ich finde es beeindruckend, was am Bildungscampus mit seinem Geld für Möglichkeiten geschaffen werden. Für Gründer ist sein Engagement sehr inspirierend.

Es gibt ja auch zum Beispiel in München eine starke Start-up-Kultur. Hat Bayern Sie nicht genug inspiriert, um zu bleiben?

Wendt: Tatsächlich haben wir auch Start-up-Programme in Nürnberg und München gemacht. Zum einen, weil der Nürnberger Raum meine Heimat ist. Aber tatsächlich boten die Campus Founders die passendsten Programme und auch gute Weiterfinanzierungsmöglichkeiten.

„Inklusive Systeme werden in vielen Bereichen gebraucht“

Das finanzielle Fundament ist tatsächlich ein wichtiger Aspekt. Wie haben Sie Inclusys denn finanziert?

Wendt: Viele Pitches gehörten auf dem Weg dazu, genau wie Stipendien. Dort gab es Preisgelder, die uns als Stammkapital weitergeholfen haben. Nach dem ersten Jahr erhielten wir die erste größere finanzielle Spritze: die Förderung vom damaligen Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das Programm hieß Impact Challenge. Dort ging es um Innovationen, bei denen der gesellschaftliche Nutzen und der Mensch im Vordergrund stehen. Da haben wir mit unserer Idee gut reingepasst. Und genau dort hatten wir unser erstes Pitch-Event.

Was waren denn die größten Herausforderungen bislang?

Wendt: Die Hilfsmittelzulassung. Das war ein Riesenprojekt für uns. Die Zulassung war die Bedingung für die staatliche Förderung und auch der zentrale Punkt für unsere Geschäftsmodelle. Daran haben wir zwei Jahre lang gearbeitet.

Lag es an der Bürokratie, dass es sich so hinzog?

Wendt: Natürlich war es ein großer bürokratischer Prozess, aber gerade im Bereich HealthTech sind die regulatorischen Anforderungen schon gerechtfertigt. Der langwierige Prozess hatte auch damit zu tun, Finanzierungsmöglichkeiten für die Studien und uns als Team zu finden. Überhaupt: Ein HealthTech-Thema ist kein Geschäftsmodell, um schnell Geld zu machen. Es zieht sich aufgrund der regulatorischen Prozesse und kostet viel Zeit und Arbeit, bis erste Umsätze fließen.

Wie soll es nun weitergehen mit Inclusys und Zeitkompass?

Wendt: Vielleicht lassen sich mit der Watch künftig weitere Probleme lösen: Stressregulierung bei Autisten, wo digital Gesundheitsparameter wie Pulsfrequenz einfließen. Die Uhr könnte für Eltern die stressigsten Ereignisse des Tages dokumentieren, damit sie den Alltag ihrer Kinder umstrukturieren können. Wir sind auf einem guten Weg. Denn Barrierefreiheit umfasst nicht nur Rampen für Rollstuhlfahrer. Inklusive Systeme werden in vielen Bereichen gebraucht. Im Nachhinein kann ich sagen: Wir haben es geschafft, Menschen zu unterstützen und Wirkung zu zeigen.

Interview von Natalie Kotowski

Foto: Michael Behrens

Zur Person

Hauke Wendt studierte Mensch-Computer-Systeme in Würzburg und gründete 2024 mit Alexander Kuon Inclusys.


Mehr zum Thema

„Made in Heilbronn-Franken“

„Made in Heilbronn-Franken“: Diese 3 Start-ups ebnen den Weg in eine bessere Zukunft

Gute Ideen „made in Heilbronn-Franken“ – das PROMAGAZIN stellt drei aufstrebende Gründer aus der Region vor, die eines gemeinsam haben: …
Verena Pausder

„Krisenzeiten sind Gründerzeiten“: Verena Pausder, Vorsitzende des Start-up-Verbands Deutschland, im Interview

Trotz Konjunkturflaute boomt die Gründerszene. Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des „Startup-Verband Deutschland“, erklärt, weshalb Mentalität über Erfolg entscheidet – und welche …

„Sicher ist nur, wer beweglich ist“: Was Heilbronn als KI-Hotspot und Start-up-Ökosystem besonders macht

Vor sechs Jahren kam Oliver Hanisch aus dem Silicon Valley nach Heilbronn, um die Campus Founders zu leiten. Seither hat …