ebm-papst sucht gezielt die Zusammenarbeit mit Start-ups. Für CEO Dr. Klaus Geißdörfer liegt darin ein Grund für die Erfolge des Mulfinger Technologieführers. Er kennt aber aus eigener Erfahrung das Zögern, das potenzielle Partner neuen Ideen anfangs entgegenbringen.

Herr Dr. Geißdörfer, Sie werden beim Zukunftswiesen Summit auf der Bühne stehen. Im Webauftritt der Zukunftsmacher heißt es: „Hidden Champions, Gründer und junge Talente haben dieselben Herausforderungen, aber kaum gemeinsame Räume. Kooperationen bleiben Zufall.“ Stimmt diese Aussage für Heilbronn-Franken aus Ihrer Sicht?
Dr. Klaus Geißdörfer: Dem würde ich widersprechen, wenn man sich anschaut, was in der Region über die letzten Jahre entstanden ist. Wir haben verschiedenste Plattformen, die den Austausch zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen fördern. Initiativen wie Next Level Mittelstand, den Slush`D und die Tech-Days in Heilbronn, wir haben den IPAI und eben den Zukunftswiesen Summit. Ich sehe gerade in Heilbronn-Franken, wie mehr und mehr Räume für Austausch und Kooperationen entstehen.
Woran liegt es, dass die Akteure in der Region enger zusammenarbeiten als anderswo?
Geißdörfer: Ich glaube, es liegt an den Menschen hier. Sie sind geradlinig und offen. Man kennt sich im ländlichen Raum und tauscht sich aus.
Etablierte Unternehmen, Start-ups und ihre Erwartungshaltungen
In einer Befragung des Bundesverbands Deutscher Start-ups und Accenture unter jungen und etablierten Unternehmen sagten 87 Prozent der Etablierten, dass sich Start-ups zu einem wichtigen Innovationspartner für sie entwickelt haben. Dagegen schätzen nur elf Prozent der Start-ups die Kooperationsbereitschaft von Unternehmen als hoch ein. Woher kommt diese Kluft?
Geißdörfer: Vermutlich ist der Grund eine unterschiedliche Erwartungshaltung auf beiden Seiten. Start-ups hoffen oft auf einen schnellen Marktzugang und erste Umsätze. Bei den etablierten Unternehmen schaut man sich dagegen erst einmal die Technologie an und überlegt: Ist sie überhaupt skalierfähig? Lässt sie sich flächendeckend im Unternehmen einsetzen?
Ist Ihnen diese Anfangsskepsis selbst schon einmal begegnet?
Geißdörfer: Ja, das erleben wir selbst mit Nexaira, unserem internen Start-up. Wir zeigen potenziellen Anwendern, dass sie im besten Fall 50 Prozent Energie einsparen können. Trotzdem zögern viele. Warum? Weil sie zunächst Vertrauen zu uns aufbauen müssen: dass wir seriös sind und dass es funktioniert. Wir kennen also beide Seiten der Medaille: als Start-up bei Kunden und den umgekehrten Fall, dass Start-ups bei uns auftreten.
Dann können Sie verstehen, wenn junge Gründer sich wünschen, Unternehmen wären aufgeschlossener für ihre Ideen?
Geißdörfer: Ja, und ehrlich gesagt: in Asien herrscht mehr Offenheit. Dort ist es einfacher als in Europa, neue Technologien zu etablieren. In Deutschland ist man meiner Meinung nach oft noch zu vorsichtig und teilweise verschlossen.
Zwei gute Gründe für Kooperationen mit Start-ups
Von Verschlossenheit gegenüber neuen Ideen kann bei Ihnen keine Rede sein: Mit der eigenen Ausgründung ebm-papst neo oder als Partner von Hyting, einem Start-up für Wasserstoff-Heizsysteme, machen Sie vor, wie Tradition und Innovation zusammenkommen. Worin liegt für Sie dabei die Chance?
Geißdörfer: Darin, neue Technologien zu integrieren. Aktuell arbeiten wir bei uns an mehreren Themen, die wir zwar bisher noch nicht öffentlich nennen, die aber technologisch absolut führend sind. Sie spiegeln neueste Entwicklungen wider, die wir auf diese Weise direkt von den Universitäten in unsere Produkte transferieren können. Das gelingt mit Start-ups deutlich einfacher, weil sie häufiger in der Wissenschaft verwurzelt sind, teilweise sogar als Spin-offs von Universitäten entstanden.
Und wie kommen Sie an die passenden jungen Gründer heran?
Geißdörfer: Wir haben zum Beispiel kürzlich eine Ausschreibung gemacht. Es gab im Bereich Cooling für Rechenzentren ein paar technische Fragen, die wir lösen wollten. Innerhalb von sechs Wochen haben sich über 30 Start-ups und Scale-ups mit konkreten Lösungsvorschlägen beworben. Nun sind wir dabei, einiger dieser Vorschläge gemeinsam mit ihnen umzusetzen.
Aber worin besteht der Vorteil gegenüber einer „internen Lösung“?
Geißdörfer: Mit Start-ups kann man als Unternehmen oft sehr schnell Prototypen entwickeln oder Lösungen erproben, die intern sonst nicht so schnell realisierbar wären. Technologie und Geschwindigkeit sind dabei zwei wesentliche Faktoren für uns.
„Entscheidend ist, mutig voranzugehen und Neues auszuprobieren“
Wie profitieren denn umgekehrt die jungen Gründer von einer Kooperation mit Ihnen?
Geißdörfer: Bei Hyting hatten wir tatsächlich diesen umgekehrten Fall. Dort konnten wir eine Komponente beitragen, die notwendig war, um zu skalieren. Das ist eine tolle Erfahrung – wenn wir mit unserer Technologie dazu beitragen können, dass Start-ups schneller wachsen.
Kooperation ist keine Einbahnstraße.
Geißdörfer: Genau. Es geht nur miteinander. Das gilt bei uns im Unternehmen genauso wie in der Zusammenarbeit mit Start-ups – immer auf Augenhöhe.
Was können andere Unternehmen, die noch nicht so weit sind bei Start-up-Kooperationen, von ebm-papst lernen?
Geißdörfer: Ich glaube, man braucht im Unternehmen Menschen mit dem richtigen Spirit für die Zusammenarbeit mit Start-ups, die bei den jungen Leuten andocken. Gleichzeitig muss man damit umgehen können, dass manchmal Ideen zustande kommen, die am Ende doch nicht funktionieren. Entscheidend ist, mutig voranzugehen und Neues auszuprobieren. Wenn man das mitbringt, kann man sehr gut mit Start-ups zusammenarbeiten.
Die Kooperation mit Start-ups als Chance für den Mittelstand
Fehlen diese Voraussetzungen in vielen deutschen Unternehmen?
Geißdörfer: Tatsächlich fehlt dem Mittelstand teilweise der Mut, unternehmerische Risiken einzugehen. Das sehen wir immer wieder. Mit Start-ups lassen sich mit überschaubarem Risiko neue Dinge ausprobieren. Darin liegt eine große Chance.
Was müsste für Sie in Deutschland deutlich schneller gehen?
Geißdörfer: In Heilbronn und an vielen weiteren Standorten in Deutschland sind wir auf einem guten Weg. Was aber wichtig wäre: zügig Ökosysteme aufzubauen, in denen Start-ups mit etablierten Unternehmen zusammenkommen, wie beispielsweise in München, in Berlin oder in Heilbronn für KI. Solche Cluster müssen wir gezielt stärken. Die Voraussetzungen dafür sind in Deutschland sehr gut: Wir haben eine hervorragende Hochschullandschaft, starke Technologien und in vielen Branchen – zumindest noch – Hidden Champions und Technologieführer.
Den Abgesang auf den Wirtschaftsstandort teilen Sie also nicht?
Geißdörfer: Wenn wir es schaffen, die bekannten Hemmnisse aus dem Weg zu räumen, haben wir eine gute Chance, erfolgreich zu sein. Wir haben aber keine Zeit mehr zu verlieren.
Interview von Natalie Kotowski
Zur Person
Seit 2021 ist Dr. Klaus Geißdörfer CEO der ebm-papst Gruppe. Er arbeitete zuvor unter anderem bei Siemens und bekleidete Führungspositionen bei Schaeffler, ZF Friedrichshafen und dem KI- und Data-Science-Unternehmen One Logic.


