Die Lage am Ausbildungsmarkt bleibt herausfordernd, ist aber nicht aussichtslos. Im Interview macht Philip Herzer deutlich, wie Unternehmen in Heilbronn‑Franken Passungsprobleme erkennen und Potenziale besser nutzen können.

Eine aktuelle KOFA-Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt deutliche regionale Unterschiede auf dem Ausbildungsmarkt. Wie angespannt ist die Lage derzeit insgesamt?
Philip Herzer: Zunächst ist wichtig festzuhalten, dass die Ausbildungsmarktlage insgesamt angespannt ist – sowohl in städtischen als auch in ländlichen Regionen. Unternehmen stehen also überall vor Herausforderungen, im ländlichen Raum jedoch in besonderem Maße.
In ländlichen Regionen kommen nur 73 Bewerber auf 100 Ausbildungsplätze. Was bedeutet das konkret für die Unternehmen vor Ort?
Herzer: Gerade deshalb sollten Unternehmen dort ihr Ausbildungsmarketing noch stärker strategisch ausrichten. Pauschale Lösungen gibt es allerdings nicht, denn die Ausgangslagen unterscheiden sich je nach Betrieb und Zielgruppe deutlich. Ein zentraler Ansatzpunkt ist daher, sich bewusst zu machen, welche Zielgruppe man eigentlich erreichen möchte. Wer diese kennt, kann seine Maßnahmen gezielt darauf zuschneiden und deutlich wirksamer einsetzen.
Kommunikative Passungsprobleme bei der Azubi-Suche abbauen
Gelingt diese zielgerichtete Ansprache schon ausreichend?
Herzer: Unsere Studien im Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung zeigen, dass hier noch Potenzial besteht. So wird beispielsweise auf Social-Media-Plattformen geworben, auf denen die gewünschte Zielgruppe gar nicht aktiv ist. Gleichzeitig hat uns überrascht, dass viele Jugendliche weiterhin klassische Wege nutzen – etwa Printanzeigen oder Aushänge. Hinzu kommt, dass Unternehmen das vorhandene Potenzial vor Ort oft noch nicht vollständig ausschöpfen. Hier spielen kommunikative Passungsprobleme eine Rolle.
Wie können Betriebe diese Hürden abbauen?
Herzer: Kooperationen mit Schulen und anderen Einrichtungen können helfen, frühzeitig mit Jugendlichen in Kontakt zu kommen und Sichtbarkeit aufzubauen. Auch soziale Medien spielen eine wichtige Rolle – gerade, wenn Unternehmen ihre eigenen Auszubildenden einbinden. Sie wissen oft am besten, welche Inhalte funktionieren und wie Jugendliche angesprochen werden sollten.
Im ländlichen Raum gehen Jugendliche mehr Kompromisse ein
Trotz vieler unbesetzter Stellen bleiben im ländlichen Raum weniger Jugendliche unversorgt als in Städten. Wie erklären Sie sich das?
Herzer: Dass Jugendliche im ländlichen Raum seltener unversorgt bleiben, könnte unter anderem daran liegen, dass sie bei der Wahl von Ausbildungsberuf oder Betrieb häufiger Kompromisse eingehen. Denn um ihren Wunschberuf zu realisieren, müssten sie teilweise längere Wege oder höhere Mobilitätskosten in Kauf nehmen. Das könnte dazu führen, dass sie sich eher auch für alternative Optionen entscheiden.
Paradoxerweise bleiben aber auch viele Ausbildungsplätze unbesetzt …
Herzer: Ja. Genau daraus ergeben sich Chancen – insbesondere für Jugendliche aus städtischen Regionen. Wer bereit ist, seinen Suchradius zu erweitern, trifft auf ein größeres Angebot und damit auf bessere Auswahlmöglichkeiten. Hinzu kommt, dass Betriebe im ländlichen Raum ihre Anstrengungen zur Gewinnung von Auszubildenden angesichts der angespannten Lage unter Umständen verstärken und dabei auch zusätzliche Anreize schaffen könnten – etwa bei Mobilität oder Wohnen. Für Jugendliche kann ein Blick über die Stadtgrenzen hinaus daher in mehrfacher Hinsicht sinnvoll sein.
Passungsprobleme mit individuellen Lösungen überwinden
In der Studie ist häufig von „Passungsproblemen“ die Rede. Was steckt dahinter?
Herzer: Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt können unterschiedliche Ursachen haben. Häufig liegt es daran, dass Jugendliche bestimmte Ausbildungsberufe suchen, während Unternehmen in ihrer Region Ausbildungsplätze in anderen Berufen anbieten. Angebot und Nachfrage sind also grundsätzlich vorhanden, passen aber nicht zueinander. Gerade in ländlichen Regionen spielen zudem räumliche Passungsprobleme eine zentrale Rolle.
Das bedeutet?
Herzer: Potenzielle Auszubildende, die für bestimmte Stellen infrage kommen, leben oft nicht dort, wo die entsprechenden Ausbildungsplätze angeboten werden. Daraus ergibt sich zugleich der wichtigste Ansatzpunkt für Lösungen: Mobilität und Wohnen. Hilfreich ist dabei ein Perspektivwechsel – weg von der Frage: Wie gewinnen wir Auszubildende? hin zu: Was hält potenzielle Bewerberinnen und Bewerber davon ab, sich bei uns zu bewerben? So lassen sich konkrete Hemmnisse identifizieren und gezielt adressieren.
Wie können Unternehmen diese Hürden überwinden?
Herzer: Wie Unterstützung bei Mobilität oder Wohnen konkret ausgestaltet werden kann, hängt stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen im Unternehmen ab. Betriebe haben unterschiedliche Ressourcen und Ausgangsbedingungen. Ein Unternehmen ohne Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr wird beispielsweise kaum mit einem Deutschlandticket werben können. Hier sind individuelle Lösungen gefragt. Wichtig ist dabei: Schon das Signal, dass ein Unternehmen bereit ist, auf die Bedürfnisse von Auszubildenden einzugehen, kann ein entscheidender Faktor sein.
Die Stärken der Region sichtbar machen
Nicht jeder ländliche Raum ist gleich. Welche Unterschiede zeigen sich zwischen sehr dünn besiedelten Regionen und ländlichen Räumen mit Verdichtungsansätzen?
Herzer: Unsere Studie zeigt deutlich, dass die Ausgangslage umso angespannter ist, je ländlicher eine Region geprägt ist. Es gibt dort einfach weniger potenzielle Bewerber, die nach einem Ausbildungsplatz suchen. Entsprechend stehen Unternehmen in dünn besiedelten Regionen unter einem noch höheren Druck, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Für die Lösungsstrategien bedeutet das: Je ländlicher eine Region ist, desto stärker sollten sich Unternehmen darauf ausrichten, ihren Einzugsbereich zu erweitern: durch Mobilitätsangebote, Unterstützung beim Wohnen oder eine gezielte Ansprache von Jugendlichen außerhalb der eigenen Region.
Blicken wir auf Heilbronn Franken: eine wirtschaftsstarke Region mit vielen internationalen Mittelständlern. Welche Chancen liegen darin für die Nachwuchsgewinnung?
Herzer: Es lohnt sich, den Blick zu weiten und die ganze Region als Wirtschaftsstandort zu denken. Gerade in Regionen wie Heilbronn-Franken, in denen bereits eine enge Vernetzung zwischen Schule und Wirtschaft besteht, gibt es dafür eine sehr gute Grundlage. Ein kreativer Ansatz ist es, Regionalmarketing und die Gewinnung von Auszubildenden stärker miteinander zu verknüpfen. Denn nicht nur der Ausbildungsplatz selbst, sondern auch die Attraktivität der Region kann ein entscheidender Faktor bei der Berufswahl sein – insbesondere dann, wenn mit der Ausbildung ein Umzug verbunden ist. Wenn es gelingt, die Stärken der Region sichtbar zu machen, kann das die Anziehungskraft deutlich erhöhen.
Interview von Teresa Zwirner

Zur Person
Philip Herzer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Seine Arbeitsschwerpunkte sind der Ausbildungsmarkt, regionale Arbeitsmarktentwicklungen sowie Strategien zur Fachkräfte‑ und Nachwuchssicherung, insbesondere im ländlichen Raum.


