Bürger, Marktführer für gekühlte Teigwaren, konnte zuletzt nur gute Nachrichten vermelden: Rekordumsätze, ein neues Logistik- und Kältezentrum in Crailsheim, immer innovativere Produkte. Mit Kooperationen und Investitionen will CEO Martin Bihlmaier die Region und Crailsheim an diesem Erfolg teilhaben lassen.

Herr Bihlmaier, Ihr Unternehmen stellt 2,8 Millionen Maultaschen täglich her. Wie viele Kühlregale könnten Sie täglich allein mit der schwäbischen Spezialität füllen?
Martin Bihlmaier: Es wären wohl 370 Meter Kühlregal, die wir mit einer Tagesproduktion Maultaschen füllen. Wenn wir auch noch alle anderen Produkte wie Spätzle und Schupfnudeln dazurechnen würden, kämen wir auf 800 Meter täglich. Und wenn wir alle Maultaschen hintereinander auslegen würden, kämen wir in einem Jahr vielleicht sogar bis zum Mond.
Das hätte das Zeug zum Guinessbuch der Rekorde. Einen anderen Rekord konnten Sie im März dieses Jahres vermelden: 2024 knackte Bürger zum ersten Mal die 300-Millionen-Euro-Umsatzmarke – eine Steigerung um mehr als fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wird es im März 2026 neue Rekordnachrichten geben?
Biehlmaier: Ich glaube, so viel können wir verraten: Wir konnten im laufenden Jahr erneut zulegen und werden das Ergebnis 2025 nochmal toppen – in Menge und in Umsatz.
Neue Logistik- und Kältezentrale
Ihr Familienunternehmen ist deutschlandweit Marktführer für gekühlte Teigwaren. Sie schreiben diesen Erfolg der richtigen Mischung aus innovativen Produkten und nachhaltigen Investitionen zu. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass andere Unternehmen, die aktuell in Deutschland kämpfen, diese richtige Mischung noch nicht gefunden haben?
Bihlmaier: Ich kann nur für uns sprechen. Und da gilt: Klar hadert man immer mal wieder mit Bedingungen, die von außen kommen. Aber dann muss man als Unternehmer ins Tun kommen und Dinge umsetzen.
Das haben Sie vorgemacht: In Crailsheim haben Sie vor einem Jahr 57 Millionen Euro in eine neue, CO2-sparende Logistik- und Kältezentrale investiert – die größte Einzelinvestition der Firmengeschichte.
Bihlmaier: Wir wollen wachsen, und unsere Zahlen zeigen, dass wir das auch tun. Wenn man weiter wachsen will, dann muss man investieren, um dieses Wachstum stemmen zu können. Da stellt sich nicht die Frage, ob man Geld in die Hand nehmen will oder wie es bei anderen aussieht, sondern da muss man als Unternehmer auf das eigene Geschäft schauen. Ich sage: Das Logistikzentrum ist eine Investition in die Zukunft. Es ist viel größer dimensioniert, als wir es aktuell benötigen. Schließlich muss es auf die Kapazitäten der nächsten Jahre ausgelegt sein. Damit, oder mit dem Aufbau neuer Produktionslinien, gehe ich ins Risiko. Aber wir glauben daran, dass wir mit unseren bestehenden Produkten und den Innovationen weiter wachsen.
Risiken und globale Herausforderungen
Sollten Unternehmen Ihrer Meinung nach auch in schwierigen Zeiten risikoaffin bleiben?
Bihlmaier: Jedes Unternehmen muss gewisse Risiken eingehen – ohne die geht es gar nicht. Es gibt keine risikolosen Branchen. Natürlich muss jeder Unternehmer Mut zu Entscheidungen haben. Allerdings ist genau das schwieriger, wenn die eigene Branche Probleme mit Absatzmengen, Kunden oder Lieferanten hat. Wir sind aktuell in einer guten Situation, vielleicht fällt es uns deshalb ein bisschen leichter, mutig zu sein.
Hat Bürger also einfach Glück, in einer Branche zu produzieren, die relativ unabhängig ist von globalen Herausforderungen verglichen mit Industrie und Technologie? Eine Maultasche wird vermutlich selten von asiatischer Konkurrenz kopiert.
Bihlmaier: Ich glaube, Glück gehört immer dazu. Wir bewegen uns mit gekühlten Teigwaren in einem Feld, das nach wie vor boomt. Ich gehe davon aus, dass unsere Produkte auch in den kommenden Jahren stark nachgefragt werden. Wir hoffen, dass sich unsere Entscheidungen als richtig erweisen. Natürlich liegt man nicht immer richtig. Aber wir versuchen, mehr richtig als falsch zu machen.
Beschleunigung von Prozessen
Magerere Jahre gab es auch bei Bürger schon. Welches waren für das Unternehmen in der Vergangenheit die schwierigsten Zeiten?
Bihlmaier: Natürlich hatten auch wir immer wieder Jahre, die nicht so gut gelaufen sind. Was für uns relativ einschneidend war, wenn auch nicht existenziell bedrohlich, war die Corona-Zeit. Wir kommen aus dem Großkundenbereich, wurden 1934 als Mayonnaisen-Bürger gegründet. Später lieferten wir dann an Kantinen, Mensen, Altenheime und Krankenhäuser. Bis in die 1960er Jahre gab es ja gar keine Supermärkte, die wir hätten beliefern können. Mittlerweile macht Discount zwei Drittel des Absatzes aus. Ein Viertel sind aber nach wie vor Großkunden. Und in diesem Segment sind wir in der Coronazeit ohne Restaurants und Betriebskantinen nahezu auf Null runtergefahren. Wir konnten das zum Glück größtenteils kompensieren, da die Menschen mehr über die Lebensmittel-Einzelhändler eingekauft haben.
Was haben Sie aus dieser herausfordernden Zeit gelernt?
Bihlmaier: Dass wir das, was wir anpassen müssen, schnell anpassen und Prozesse beschleunigen. Wir versuchen auf Kundenwünsche einzugehen, wenn es Probleme gibt.
Immer mehr neue Produkte bei Bürger
Geht nicht jedes Unternehmen aktuell durch eine Phase, in der flexibel auf Veränderungen reagiert werden muss?
Bihlmaier: Jeder muss sehen, wie er seine Hausaufgaben macht. Manchmal gibt es aber Probleme, die kann man als Unternehmer nicht lösen, weil sich ein äußerer Faktor grundsätzlich komplett ändert.
Zum Beispiel?
Bihlmaier: Da gibt es zig Beispiele: Fotografie und Film wurden durch das Digitale verdrängt. Bei Bürger sind es zum Beispiel sich verändernde Ernährungsgewohnheiten, denen wir begegnen müssen. Wir haben etwa gemerkt, dass Schweinefleisch beim Kunden nicht mehr so eine Rolle spielt wie früher und auch in Schulen nicht mehr so oft auf dem Speiseplan steht. Man muss ein Gespür für Trends haben und sich weiterentwickeln. Konsumenten überlegen sich inzwischen stärker, ob sie Produkte mit oder ohne Fleisch wollen. Wir haben auch im Großkundenbereich jetzt viel Vegetarisches und Veganes entwickelt.
Also muss auch ein Unternehmen, das auf ein regionales Traditionsprodukt wie Maultaschen setzt, öfter mal was Neues auftischen?
Bihlmaier: Wir müssen tatsächlich immer mehr neue Produkte herausbringen. Anderes nehmen wir dafür aus dem Sortiment heraus. Die Schlagzahl wird höher. Zum einen, weil die Ernährungsgewohnheiten viel spezieller geworden sind, auch Unverträglichkeiten haben zugenommen. Zum anderen, weil der Verbaucher immer wieder etwas Neues haben will. Mit unserem Standardsortiment allein werden wir die nächsten 40 Jahre nicht durchkommen. Seit ein paar Jahren bieten wir zum Beispiel saisonale Produkte an, oder Besonderes wie Weißwurst-Maultaschen.
Die Bekanntheit der Maultasche bundesweit steigern
Maultaschen bleiben aber das Sinnbild schwäbischer Genießerkultur.
Bihlmaier: Wir wollen die Maultasche seit Jahren deutschlandweit bekannter machen. Außerhalb Baden-Württembergs steigern wir mit Plakatwerbung die Bekanntheit der Maultasche – und natürlich auch die Bekanntheit der Marke Bürger. Es kommen immer weitere Gebiete hinzu. Vor Jahren war es Bayern, inzwischen haben wir kontinuierlich nördlichere Werbegebiete dazugenommen – unter anderem Hamburg.
Absatztreiber waren zuletzt aber nicht Maultaschen, sondern Gnocchi in allen Varianten. Ist die italienische Spezialität ein Gradmesser für Marktöffnung – Gnocchi kennt man europaweit?
Bihlmaier: Ja, Maultaschen und Schupfnudeln als typisch schwäbische Gerichte sind im deutschsprachigen Raum erklärungsbedürftiger als Gnocchi. Die muss ich nicht erklären – jeder war schon mal beim Italiener essen und hat sie auf der Speisekarte gesehen. Für Lebensmitteleinzelhandel und Discount versuchen wir deshalb Produkte zu kreieren, die jeder kennt.
Zusammenarbeit zwischen Industrie und Kommune
Außer Innovationen nennen Sie als Hebel des Erfolgs die Nachhaltigkeit.
Bihlmaier: Wir sind Schwaben, natürlich versuchen wir immer, Dinge ressourcenschonend zu produzieren. Wir haben schon vor Jahren angefangen, jede freie Dachfläche mit Photovoltaik auszustatten. Unsere Produktion ist sehr energieintensiv, weil wir alles kochen und danach sehr schnell herunterkühlen müssen – entweder auf zwei Grad Plus oder minus 20 Grad im Tiefkühlbereich. Dabei entsteht Abwärme.
Mit dieser Abwärme wird Bürger zwei Drittel des Wärmebedarfs für das neue Crailsheimer Hallenbad decken. Welchen Nutzen zieht das Unternehmen aus dieser ungewöhnlichen Kooperation zwischen Kommune und Industrie?
Bihlmaier: Wir erhalten dafür auch eine kleine Vergütung – im Centbereich pro Kilowattstunde. Im Vordergrund steht für uns aber etwas anderes: Wir stärken damit den Standort und zeigen, wie Industrie und Kommune gemeinsam sinnvoll handeln können. Wenn daraus zusätzlich ein Plus für unsere Arbeitgeberattraktivität entsteht, freut uns das natürlich. Wir merken schon heute, dass sich andere Gemeinden melden und fragen, wie sie das Modell übernehmen können. Und ganz persönlich: In Zeiten, in denen Energieeffizienz so wichtig ist, ist es ein gutes Gefühl zu wissen, dass unsere Abwärme konkret genutzt wird. Das zeigt auch: Wir übernehmen Verantwortung vor Ort und investieren in Crailsheim.
Warum lohnt es sich Ihrer Meinung nach, am Standort Deutschland und in Heilbronn-Franken zu investieren?
Bihlmaier: Weil ich absolut an diese Region glaube. Ich sehe unser Wachstum hier. Und ich habe nie einen Gedanken daran verschwendet, Deutschland den Rücken zu kehren und irgendwo anders zu produzieren. Vieles läuft zwar hierzulande nicht gut – anderes läuft aber wiederum sehr gut. Wir sind in der Region wirtschaftsstark, man kann hier profitabel produzieren. Es müsste sich noch viel zum Schlechteren ändern, bevor ich sage, mich zieht es hier weg. Oder mit den Worten unserer Unternehmensmission: Attacke, Deutschland!
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Seit 2008 führt Martin Bihlmaier Bürger in dritter Generation. Nach seinem BWL-Studium stieg er offiziell dort ein. Er machte das Unternehmen mit Sitz in Ditzingen und Crailsheim zum Marktführer für gekühlte Teigwaren – bekanntestes Produkt sind die Maultaschen.


