Ob Ausbildungsplätze, Fachkräftesicherung oder Sozialstaatsreform: Im PROMAGAZIN-Interview verspricht Bärbel Bas, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Arbeitgebern und Arbeitnehmern Unterstützung bei den herausfordernden Themen der Gegenwart.

Frau Bas, Heilbronn-Franken ist die Region der Weltmarktführer. Der Mittelstand ist stark, es gibt viele erfolgreiche familiengeführte Unternehmen, die sich für Bildung, Kultur und Zukunftstechnologien einsetzen – weit über die Region hinaus und mit hohem finanziellem Einsatz. Freut Sie das?
Bärbel Bas: Wir sind stolz auf die erfolgreichen Unternehmen in unserem Land, die mit innovativen Produkten weltweit aktiv sind und in ihrer Region Arbeitsplätze sichern. In Heilbronn-Franken gibt es davon eine Menge – und das begrüße ich sehr.
Kürzlich sagten Sie beim Bundeskongress der JuSos, es seien die Unternehmer, die die „Trennlinie zwischen arm und reich“ im Land markieren.
Bas: Die mittelständischen Unternehmen und ihre Beschäftigten schaffen Wohlstand und sind das Rückgrat unserer Wirtschaft. Und dabei stärkt uns die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Denn das Grundprinzip in der sozialen Marktwirtschaft ist, dass, wer ordentlich und fleißig arbeitet, am Monatsende genug Geld in der Tasche haben muss, um anständig davon leben zu können. Und das nach einem Leben voller Arbeit auch eine ordentliche Rente zur Verfügung steht.
„Wir wollen den Sozialstaat einfacher, digitaler und effizienter machen“
Wird die deutsche Wirtschaft – und damit auch der Arbeitsmarkt – von der erhofften Entbürokratisierung und Leistungsorientierung der geplanten Sozialstaatsreform Ihres Ministeriums profitieren können?
Bas: Wir wollen den Sozialstaat einfacher, digitaler und effizienter machen. Ziel sind spürbare Erleichterungen für Bürgerinnen und Bürger, weniger Verwaltung und mehr Digitalisierung. Die Empfehlungen der Kommission sollen auch positive Arbeitsmarkt- und Fiskaleffekte bewirken, das stärkt die Wirtschaft.
Welche Anreize setzt Ihr Ministerium noch, um die Wirtschaft anzukurbeln?
Bas: Wir gehen den Weg der Entbürokratisierung weiter. Mit dem Investitionspaket setzt die Bundesregierung starke Anreize für Investitionen und sichert so Arbeitsplätze. Mit dem Tariftreuegesetz stärken wir den fairen Wettbewerb.
Dem Strukturwandel mit Qualifizierung und Weiterbildung begegnen
Zuletzt wurden in Branchen wie Automobil- und Zulieferindustrie und Maschinenbau – die in Heilbronn-Franken stark sind – aber Stellen abgebaut.
Bas: Wir stehen an der Seite der Unternehmen. Arbeitgeber und Beschäftigte können sich darauf verlassen, bei Bedarf Unterstützung und Förderung zu erhalten. Aktuell sichert Kurzarbeit, die wir verlängert haben, zahlreiche Beschäftigungsverhältnisse. Sobald sich die konjunkturelle Lage bessert, können die betroffenen Betriebe mit ihrer eingearbeiteten Stammbelegschaft sofort wieder starten, ohne Beschäftigte entlassen zu müssen.
In vielen Teilen Deutschlands wurden trotz Kurzarbeit im vergangenen Jahr Stellen gestrichen. Im Maschinenbau waren es 2025 deutschlandweit 22.000 Stellen laut Branchenverband VDMA. Wie macht sich das am Arbeitsmarkt bemerkbar – und wie lässt sich das Fachkräfte-Potenzial nutzen?
Bas: Strukturwandel führt in manchen Branchen zu Personalabbau, während in anderen händeringend nach Fachkräften gesucht wird. Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt Arbeitsmarktdrehscheiben, die regional einen reibungslosen Wechsel von Beschäftigten eines Unternehmens in schwieriger Lage in ein aufnehmendes Unternehmen ermöglichen, damit dem Arbeitsmarkt Fachkräfte erhalten bleiben.
Dafür sind mitunter Weiterbildungen nötig. Welche Hilfestellungen erhalten Unternehmen, die Mitarbeiter qualifizieren wollen?
Bas: Die Agenturen für Arbeit unterstützen Unternehmen mit dem Qualifizierungsgeld und der klassischen Weiterbildungsförderung dabei, durch Qualifizierung eine nachhaltige Beschäftigungsperspektive im Unternehmen zu sichern.
Wie gestaltet sich diese Förderung von Weiterbildung konkret?
Bas: Wir fördern Weiterbildung und Qualifizierung, um innovativer und digitaler zu werden. Wir stärken die Weiterbildungsberatung sowohl in den Regionen als auch digital durch Weiterbildungsagenturen und das Nationale Online Portal für berufliche Weiterbildung ‚mein NOW‘.
Junge Menschen auf dem Weg in die Ausbildung unterstützen
Vor der Weiterbildung steht zunächst einmal die Ausbildung. Doch immer weniger Unternehmen bieten sie an: Laut der aktuellen Ausbildungsumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) schrieben schon 2024 rund ein Viertel der befragten Unternehmen – darunter 250 in Heilbronn-Franken – weniger Ausbildungsplätze als im Vorjahr aus. Gleichzeitig finden Unternehmen immer seltener geeignete Bewerber. Wie lässt sich das Dilemma lösen?
Bas: Die Akteure am Ausbildungsmarkt müssen mitziehen und eng zusammenarbeiten. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, mehr junge Menschen in Ausbildung zu bringen und auch schwächeren Jugendlichen eine Chance auf Ausbildung geben. Deshalb wollen wir die Beratung und Betreuung junger Menschen durch die Agenturen für Arbeit umfassender gestalten: Es soll die gesamte Lebenssituation in den Blick genommen werden. Dafür werden die Jugendberufsagenturen weiter gestärkt. Mit der richtigen Unterstützung können auch bisher schulisch schwache Auszubildende eine Berufsausbildung erfolgreich abschließen.
Welche Impulse können die Unternehmen 2026 aus dem Arbeitsministerium im Hinblick auf fehlende Fachkräfte erwarten?
Bas: Die Fachkräftesicherung kann nur gelingen, wenn alle Akteure des Arbeitsmarktes ihre Beiträge dazu leisten. Daher arbeiten wir daran, die Fachkräftestrategie des Bundes in Zusammenarbeit mit den Ländern weiterzuentwickeln. Wir werden in diesem Jahr mehrere Regionale Fachkräftewerkstätten veranstalten und gehen dort in den direkten Austausch mit der betrieblichen Praxis und den regionalen Stakeholdern.
Interview von Natalie Kotowski
Zur Person
Bärbel Bas (SPD) ist Bundesministerin für Arbeit und Soziales im Kabinett Merz. Zusammen mit Lars Klingbeil ist sie seit Juni 2025 Bundesvorsitzende der SPD. Seit 2009 gehört sie dem Deutschen Bundestag an und war von 2021 bis 2025 Bundestagspräsidentin.


