Von wegen „kranker Mann Deutschland“: Familienunternehmen in Heilbronn-Franken beweisen, dass sie das belastbare Rückgrat der regionalen Wirtschaft sind – und sogar wachsen. Gleich mehrere von ihnen verzeichnen trotz Krisen höhere Umsätze.

Der deutsche Patient – so betitelte die „Welt“ zum Jahreswechsel einen Kommentar zur siechenden Wirtschaft der Republik. Immer wieder haben seitdem Ökonomen und Politiker verschiedene Gebrechen diagnostiziert: untrainierte Investitionsmuskeln, ein im weltweiten Vergleich zu langsames Innovationsgehirn, Krisen, die die Glieder der Wertschöpfungsketten schwächen.
Doch ein Körperteil scheint sich in diesem Sommer zu erholen: die Wirbelsäule. Genauer gesagt das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, die Familienunternehmen. Eine aktuelle Erhebung des Informationsdiensts „Die Deutsche Wirtschaft“ (DDW) zeigt: Zwei Drittel der 1000 größten deutschen Familienunternehmen verzeichneten zuletzt ein Umsatzwachstum.
Laut DDW repräsentieren die Spitzen der deutschen Familienunternehmerlandschaft einen weltweiten Umsatz von 2,34 Billionen Euro, stellen 7,81 Millionen Arbeitsplätze – und sind offenbar gesünder als von der Öffentlichkeit angenommen.
Familienunternehmen sichern Wohlstand und Wachstum in Heilbronn-Franken
Ein besonders stabiler Wirbel im Stützapparat der Wirtschaft ist Baden-Württemberg, nach Nordrhein-Westfalen das Bundesland mit den zweitmeisten Familienunternehmen in Deutschland. Jedes fünfte deutsche Unternehmen in Familienhand hat seinen Sitz im Ländle. Zusammen erwirtschafteten sie nach Zahlen des DDW zuletzt einen Umsatz von 460 Milliarden Euro und bieten aktuell mehr als zwei Millionen Menschen im In- und Ausland einen Arbeitsplatz.
Auch in Heilbronn-Franken sind Familienunternehmen nach wie vor das tragende Gerüst für Wohlstand. Die Top Drei zwischen Neckar und Tauber sind laut DDW die Unternehmen der Schwarz Gruppe in Neckarsulm, gefolgt von der Adolf Würth GmbH & Co. KG in Künzelsau und Bechtle in Neckarsulm. Mehr noch: Die Pfedelbacher Transporter Industry International (TII) schaffte es erstmals unter die Top 1000 im DDW-Ranking – als einer der zehn höchsten Neueinsteiger. Die Contraf-Nicotex-Tobacco GmbH mit Sitz in Heilbronn verbesserte sich um 477 Ränge auf Platz 470.
Das beweist: Das Rückgrat der Region ist belastbar. Die Unternehmen der Schwarz Gruppe mit ihren Handelssparten Lidl und Kaufland, der Kreislaufwirtschaftssparte PreZero, der Schwarz Produktion sowie der IT- und Digitalsparte Schwarz Digits konnten nach eigenen Angaben im Geschäftsjahr 2025 ihren Umsatz um 5,8 Prozent auf 185,6 Milliarden Euro steigern. Die Würth-Gruppe wuchs allein im ersten Halbjahr 2026 um 4,3 Prozent auf 10,9 Milliarden Euro Umsatz.
IT und Maschinenbau bleiben auf Wachstumskurs
Dr. Thomas Olemotz, Vorstandsvorsitzender der Bechtle AG, nimmt die positiven Ergebnisse der DDW-Erhebung im eigenen Unternehmen wahr: „Bechtle hat sich trotz eines anspruchsvollen Umfelds als robust und widerstandsfähig erwiesen“, sagt er. IT gehöre zu den Zukunftsbranchen, Digitalisierung bleibe für Unternehmen und öffentliche Auftraggeber ein Muss – unabhängig von konjunkturellen Schwankungen. „Das schafft eine solide Grundlage für langfristiges Wachstum“, prognostiziert der Vorstandschef.
Auch Heilbronn-Frankens starke Maschinenbaubranche scheint nicht unter metaphorischen Rückenschmerzen zu leiden: „Unser Wachstum für dieses Jahr prognostizieren wir auf über 30 Prozent“, vermeldet Thomas Mühleck, CEO von Kurtz Ersa. Der Weltmarktführer mit Sitz in Wertheim/Kreuzwertheim produziert und vertreibt Anlagen für Elektronikfertigung und Automatisierung, Kunststoffmaschinen sowie 3D-Drucker – und gehört damit zu den sieben Familienunternehmen der Region, die bei DDW allein in der Sparte Maschinenbau unter den Top 50 der umsatzstärksten Familienunternehmen rangieren.
Fitter und beweglicher als öffentlich wahrgenommen
Dazu zählt auch Bausch+Ströbel, der in Ilshofen weltweit gefragte Abfüll-und Verschließanlagen sowie Verpackungslösungen für die Pharmaindustrie entwickelt. Bei Thorsten Bullinger, Vorstand und Gesellschafter bei Bausch+Ströbel, klingt die Botschaft ebenfalls positiv: „Wir profitieren von einer weiterhin stabilen Nachfrage aus der Pharmaindustrie und verzeichnen ein kontinuierliches Umsatzwachstum.“
Doch woher kommt es, dass Deutschland von vielen als Patient kurz vor dem Genickbruch wahrgenommen wird – wo doch sowohl die großen Familienunternehmen in der Region als auch die DDW-Ergebnisse Fitness und Beweglichkeit vermitteln?
Zwei Gründe werden immer wieder genannt: Schwarzmalerei auf der einen Seite, und Heilbronn-Frankens Standortvorteile auf der anderen. „In der öffentlichen Wahrnehmung wird nur gemeckert“, formuliert es Kurtz Ersa-CEO Mühleck. Aber „Familienunternehmen akzeptieren unveränderbare Rahmenbedingungen und handeln stattdessen schnell und konsequent mit vollem Marktfokus.“
Ähnlich sieht es Bechtle-Vorstandschef Olemotz: Negative Nachrichten prägen seiner Ansicht nach das aktuelle Bild. Doch das sei „eher eine verengte Sichtweise“, sagt Olemotz: „Schlagzeilen über Produktionsrückgänge, Stellenabbau oder geopolitische Krisen erzeugen schnell den Eindruck einer flächendeckenden wirtschaftlichen Schwäche.“
Die unterschätzte Stärke der Familienunternehmen
Die Realität sei aber differenzierter. „Viele Familienunternehmen stehen wirtschaftlich solide da, investieren weiterhin und wachsen sogar.“ Familienunternehmen, darin sind viele Unternehmer einig, bezögen ihre Vitalität aus langfristigem Denken, unternehmerischer Haltung, starken Kundenbeziehungen und hoher Anpassungsfähigkeit. „Das macht sie oft widerstandsfähiger, als es von außen scheint“, resümiert Bausch+Ströbel-Vorstand Bullinger.
Dr. Klaus Geißdörfer, CEO beim Mulfinger Weltmarktführer ebm-papst, stimmt zu: „Die wirtschaftliche Substanz vieler Unternehmen ist robuster, als es die öffentliche Diskussion oftmals vermuten lässt.“ Umso überraschender kam vor wenigen Tagen die Nachricht, dass ebm-papst – nach Umsatz Baden-Württembergs Nummer Vier im DDW-Familienunternehmensranking – den Eigentümer wechselt. Die drei Gesellschafterfamilien haben entschieden, ihre Anteile an das US-amerikanische Unternehmen Madison Air zu übertragen.
Wachstumspotenzial noch nicht ausgeschöpft
Offenbar aber nicht, weil ebm-papst kränkelte. Zuletzt war die Unternehmensgruppe in Familienhand auf starkem Wachstumskurs, erwartet nach eigenen Angaben für 2026/27 ein Umsatzplus von mehr als zehn Prozent. Im Rahmen des Eigentümerwechsels wurde der Mulfinger Weltmarktführer mit 5,1 Milliarden Euro bewertet.
Die wirtschaftliche Substanz, von der CEO Geißdörfer spricht, ist also gegeben: „Ebm-papst steht heute so stark da wie nie zuvor“, ist er überzeugt. „Unser innovatives Kerngeschäft ist zweistellig gewachsen und das Datacenter-Geschäft entwickelt sich außerordentlich dynamisch“, bilanziert er. Das Potenzial für die Weiterentwicklung der ebm-papst-Gruppe sei aber nicht ausgeschöpft – mit Madison habe man einen Partner gefunden, der genau verstehe, was ebm ausmache und was es brauche, um die Marktführerschaft weiter auszubauen.
Madison, weltweit führender Anbieter für Luftqualitätslösungen und langjähriger Kunde, ist nach Auffassung der drei Gesellschafterfamilien der ideale Partner, den eingeschlagenen Wachstumskurs fortzusetzen. Gegenseitig ergänze man sich technologisch, geografisch und operativ „in hohem Maße“. Unter dem neuen Eigentümer soll Mulfingen weiter Hauptsitz der ebm-papst Gruppe und bedeutender Standort für Forschung, Entwicklung und Produktion bleiben. Denn dass Heilbronn-Franken gute Voraussetzungen bietet, um unternehmerisch gesund zu bleiben, hat durchaus mit dem Standort zu tun – darin sind sich alle einig.
Der Standort als Erfolgsfaktor
Die Region gehöre seit vielen Jahren zu den wirtschaftlich stärksten Regionen Deutschlands, dank erfolgreichem Mittelstand, international aktiven Familienunternehmen, hoher Innovationskraft und starkem industriellem Kern, wie Geißdörfer argumentiert. „Wir sehen hier sehr viel Gestaltungswillen – sei es durch Digitalisierung, neue Geschäftsmodelle oder die Erschließung internationaler Märkte“, sagt auch Bechtle-Chef Olemotz. Die Region beweise eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich auf neue Rahmenbedingungen einzustellen.
Umso wichtiger ist es den Familienunternehmern, diesen Vorteil zu bewahren und ihrerseits die Region zu unterstützen. So ist Roland Hehn, Vorstand Personal Schwarz Corporate Solutions, mit den Geschäftszahlen sehr zufrieden und betont die Verantwortung der Unternehmen der Schwarz Gruppe regional, in Deutschland und der Welt: „Genauso wichtig wie der wirtschaftliche Erfolg ist für uns die Verantwortung gegenüber unserer Belegschaft. Wir sind für unsere über 604.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit ein verlässlicher und sicherer Arbeitgeber. Allein im vergangenen Geschäftsjahr wurden 5000 neue Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen.”
Zwischen Zuversicht und Anpassungsdruck
Als Familienunternehmen folgen die Unternehmen der Schwarz Gruppe ihrem Leitmotiv „Voraushandeln”, investieren kontinuierlich in die Zukunftsfähigkeit der eigenen Geschäftsfelder und geben den Mitarbeitern als Arbeitgeber eine langfristige Perspektive, sagt Hehn. „Für uns spielt auch die Verbundenheit zur Region Heilbronn-Franken als unsere Heimat eine große Rolle: Jüngstes Zeichen ist die Eröffnung des neuen Schwarz Digits Campus im Juli. Wir stärken gezielt den Standort und schaffen für 5500 Mitarbeiter einen modernen Arbeitsplatz.“
Bei allem Optimismus: Die DDW-Top-Unternehmer der Region warnen davor, die Situation zu pauschalisieren. Auch erfolgreiche Unternehmen spürten Investitionszurückhaltung, geopolitische Unsicherheiten und hohen technologischen Anpassungsdruck, gibt Olemotz zu Bedenken. Bullinger von Bausch+Ströbel ergänzt: „Der Blick auf den Umsatz allein greift zu kurz. Wie viele mittelständische Unternehmen spüren auch wir steigende Kosten für Personal, Energie, Logistik, Cybersicherheit und zusätzliche regulatorische Anforderungen.“
Kurtz Ersa-CEO Mühleck sieht nach eigenen Worten die aktuelle Situation für regionale Familienunternehmen „gemischt. Zu den Gewinnern zählen die Unternehmen mit globaler Ausrichtung.“ Dr. Geißdörfer von ebm-papst bleibt jedenfalls bei seiner Diagnose: „Das wirtschaftliche Rückgrat der Region ist stark.“
Natalie Kotowski


