Trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten behaupten sich Familienunternehmen nicht nur – sie wachsen. Ernst & Young-Manager Wolfgang Glauner erklärt, warum gerade die Top-500-Familienunternehmen so resilient sind, wie Heilbronn-Franken als Innovationsmotor wirkt und welche Herausforderungen die nächste Generation meistern muss.

Überall hören wir von Krisen – doch Familienunternehmen bleiben robust. Worin liegt ihre besondere Resilienz?
Wolfgang Glauner: Resilienz heißt nicht nur Krisen zu überstehen, sondern gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Familienunternehmen zeichnen sich durch eine langfristige Perspektive, stabile Eigentümerstrukturen, geopolitische Weitsicht und eine starke Wertebasis aus. Ihre Stärke beruht auf einer klaren strategischen Ausrichtung: Familiengeführte Betriebe denken in Generationen statt in Quartalen, setzen auf solide Kapitalstrukturen und pflegen enge Kundenbeziehungen. Gleichzeitig sind sie bereit, aktiv zu gestalten – fast die Hälfte der Top-500 war an Transaktionen beteiligt, um ihre Marktposition auszubauen. Tradition gepaart mit Innovationsbereitschaft macht sie zu den robustesten Akteuren der globalen Wirtschaft.
Wie zeigt sich das speziell bei deutschen Familienunternehmen?
Glauner: Sie verbinden Tradition mit technologischer Exzellenz – das ist ihr zentraler Wettbewerbsvorteil. Hinzu kommt bei deutschen Familienunternehmen eine bemerkenswerte Kontinuität: Das Durchschnittsalter liegt bei 113 Jahren, ein klares Zeichen für Erfahrung und Stabilität. Deutschland profitiert von einer starken industriellen Basis: Rund ein Fünftel der Top-500-Unternehmen aus Deutschland ist in der industriellen Fertigung tätig. Diese Spezialisierung auf Maschinenbau und Präzisionstechnologien macht diese Unternehmen zu Hidden Champions in globalen Nischen. Und: Ihre starke Eigenkapitalbasis ermöglicht schnelle Entscheidungen ohne den Druck externer Investoren.
Familienunternehmen in Heilbronn-Franken
Wenn wir über industrielle Stärke und Hidden Champions sprechen – welche Rolle spielt dabei die Region Heilbronn-Franken?
Glauner: Heilbronn-Franken zählt zu den führenden Regionen für Mittelstand und Familienunternehmen in Deutschland und gilt als Innovationsmotor für unternehmerische Exzellenz und globale Marktführerschaft. Unternehmen wie die Schwarz Gruppe, die Würth-Gruppe oder die Bechtle AG gehören zu den größten Familienunternehmen weltweit und sind daher im aktuellen Global 500 Family Business Index vertreten. Darüber hinaus prägen zahlreiche weitere führende Unternehmen – darunter viele Weltmarktführer in ihren jeweiligen Segmenten – die Region und schaffen ein leistungsfähiges Ökosystem, das Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Unternehmertum nachhaltig fördert.
Was macht die Unternehmen dort so erfolgreich – gibt es eine besondere Strategie, die sie von Unternehmen in anderen Regionen unterscheidet?
Glauner: Ja, die Region setzt stark auf technologische Innovation und Spezialisierung. Charakteristisch ist die enge Verzahnung mit Forschung und Bildung: Kooperationen mit dem Bildungscampus Heilbronn sowie den Fraunhofer-Instituten gehören für viele Unternehmen aus Heilbronn-Franken zum festen Bestandteil ihrer Entwicklungskonzepte. Mit dem KI-Innovationspark IPAI entsteht zudem ein Ökosystem, das Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz in den Mittelstand integriert. Diese Fokussierung auf technologische Kompetenz und Vernetzung prägt die Region und unterstreicht ihre Bedeutung als Impulsgeber für die wirtschaftliche Transformation.
Transformationsdruck, geopolitische Risiken und Fachkräftemangel
Wenn wir den Blick über Deutschland hinaus richten: Welche Branchen dominieren aktuell den Global Family Business Index und treiben die globale Wirtschaft an?
Glauner: Weltweit führen Handel, Konsumgüter und Industrie. Der Handel stellt rund 20 Prozent der Unternehmen und 26 Prozent des Gesamtumsatzes, gefolgt von Konsumgütern (19 Prozent) und der Fertigungsindustrie (15 Prozent). In Deutschland dominieren industrielle Fertigung und Automotive – Schlüsselbranchen für Export und Wohlstand. Aber genau hier liegt auch die Herausforderung: Die Transformation dieser Industrien durch Digitalisierung, Dekarbonisierung und neue Mobilitätskonzepte verlangt tiefgreifende Anpassungen.
Das klingt nach einem enormen Wandel. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie für Familienunternehmen in den nächsten fünf Jahren?
Glauner: Die kommenden Jahre stellen deutsche Familienunternehmen vor enorme Herausforderungen. Neben dem bereits spürbaren Transformationsdruck rücken auch geopolitische Risiken, ein verschärfter Fachkräftemangel und die konsequente Umsetzung digitaler Geschäftsmodelle in den Vordergrund. Ergänzend hinzu kommen ambitionierte Nachhaltigkeitsziele, die nicht nur regulatorische Anforderungen, sondern auch gesellschaftliche Erwartungen widerspiegeln.
Und wie können die Betriebe hier agieren, um diese Chancen zu nutzen?
Glauner: Um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, müssen Familienunternehmen ihre traditionellen Stärken – Stabilität und langfristiges Denken – mit einer hohen Innovationsgeschwindigkeit verbinden. Diese Balance wird entscheidend sein, um in einem dynamischen Marktumfeld bestehen zu können. Eine weitere zentrale Aufgabe bleibt die Nachfolge. Die Übergabe innerhalb der Familie gestaltet sich zunehmend komplex: Mehr als 60 Prozent der Unternehmen werden inzwischen von externen Managern geführt. Dieses deutliche Signal zeigt, wie anspruchsvoll die Nachfolgeprozesse geworden sind – und wie wichtig es ist, rechtzeitig tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Familienunternehmen und ihre Agilität
Apropos Nachfolge: Was muss die nächste Generation tun, um erfolgreich zu sein?
Glauner: An erster Stelle sollte eine klare Nachfolgeplanung stehen: Frühzeitige Regelungen schaffen Kontinuität und vermeiden Konflikte. Ebenso unverzichtbar sind Investitionen in Innovation und Digitalisierung – wer hier zögert, verliert im internationalen Wettbewerb schnell den Anschluss. Darüber hinaus muss die Diversität im Management gestärkt werden. Der Frauenanteil liegt derzeit bei lediglich fünf Prozent, was zeigt, wie groß der Handlungsbedarf ist. Schließlich bleibt die Werteorientierung ein zentrales Fundament: Die Verbindung von Tradition und Zukunft schafft Vertrauen bei Kunden, Mitarbeitenden und Partnern.
Zum Schluss: Gibt es etwas, das Sie an der Dynamik der Familienunternehmen zuletzt positiv überrascht hat?
Glauner: Es ist die Geschwindigkeit, mit der Familienunternehmen heute auf Veränderungen reagieren. Trotz ihres traditionsreichen Charakters sind sie bereit, große strategische Schritte zu gehen. Der aktuelle Global Family Business Index belegt das eindrucksvoll: Im Berichtszeitraum führten die Top-500-Familienunternehmen weltweit 616 Transaktionen durch, mehr als ein Drittel davon mit einem Volumen von über 250 Millionen US-Dollar.
Diese Zahlen zeigen: Familienunternehmen bewältigen nicht nur Krisen, sondern nutzen aktiv Chancen, um ihre Marktposition auszubauen. Sie investieren in neue Geschäftsfelder, treiben die Internationalisierung voran und setzen konsequent auf digitale Transformation. Diese Agilität ist bemerkenswert und widerlegt das Klischee vom konservativen Familienunternehmen.
Interview von Teresa Zwirner
Zur Person
Wolfgang Glauner ist Partner bei Ernst & Young und unterstützt Familienunternehmen in Deutschland und Europe West bei der Geschäftsentwicklung. Er war zuvor in leitenden Positionen in Familienunternehmen tätig – unter anderem als geschäftsführender Gesellschafter eines Medizintechnikunternehmens und Mitglied der Geschäftsleitung im Bereich „Automatisiertes Fahren“.
Info
Der aktuelle Global Family Business Index, den Ernst & Young gemeinsam mit der Universität St. Gallen erstellt hat, zeigt die enorme Bedeutung von Familienunternehmen für die Weltwirtschaft. Die 500 größten Familienunternehmen weltweit erzielten 2025 einen Gesamtumsatz von 8,8 Billionen US-Dollar – ein Plus von zehn Prozent gegenüber 2023 – und beschäftigen rund 25 Millionen Menschen. Damit sind sie nicht nur Stabilitätsanker in unsicheren Zeiten, sondern auch zentrale Treiber für Wachstum, Beschäftigung und Innovation.


