Für Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands, sind Heilbronn-Frankens Familienbetriebe das Rückgrat der regionalen Landwirtschaft. Er wünscht sich für Landwirte mehr Rückendeckung aus Politik und Gesellschaft.

Herr Rukwied, Sie sind gebürtiger Heilbronner – und Heilbronn-Franken ist eine Genießerregion. Worin bestehen die größten Herausforderungen für Landwirte und Weinbauern zwischen Neckar und Tauber – und in ganz Deutschland?
Rukwied: Unsere Landwirte und Winzer stehen vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Bürokratie, Klimawandel, steigende Produktionskosten und verzerrte Wettbewerbsbedingungen auf dem Weltmarkt setzen ihnen zu. Besonders kleine und mittelständische Betriebe geraten zunehmend massiv unter Druck. Gleichzeitig steigen die Erwartungen von Gesellschaft und Politik – etwa in puncto Umwelt- und Tierschutz oder Biodiversität.
Werden regionale Erzeugnisse wettbewerbsfähig bleiben?
Rukwied: Ich bin überzeugt: Regionale Produkte haben Zukunft – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Familienbetriebe wirtschaftlich arbeiten können. Dazu braucht es einen fairen Wettbewerb, praktikable Vorgaben und die gezielte Förderung regionaler Wertschöpfung. Wer bewusst regionale Produkte wählt, unterstützt direkt unsere Landwirtinnen und Landwirte. Unsere bäuerlichen Familienbetriebe sind bereit, Verantwortung zu übernehmen – aber das geht nur mit einer politischen und gesellschaftlichen Rückendeckung.
Sie haben in den Medien die Rücknahme der Agrardieselsteuer unter der neuen Bundesregierung begrüßt.
Rukwied: Unsere Familienbetriebe sind das Rückgrat der regionalen Landwirtschaft – sie stehen für Qualität, Nachhaltigkeit und generationenübergreifendes Denken. Doch sie sind keine Selbstverständlichkeit. Viele stehen mit dem Rücken zur Wand, weil politische Entscheidungen häufig an der Lebensrealität auf dem Hof vorbeigehen. Das Abschaffen der Agrardieselrückvergütung war ein falsches Signal – gut, dass hier zurückgesteuert wurde. Doch viele andere Herausforderungen bleiben.
Zum Beispiel ein höherer Mindestlohn. Was wünschen Sie sich von der Politik?
Rukwied: Wir brauchen eine Politik, die den ländlichen Raum nicht nur in Lippenbekenntnissen würdigt, sondern verlässlich unterstützt, etwa durch Investitionsförderung und einen echten Bürokratieabbau. Die Politik will den heimischen Obst- und Gemüsebau erhalten, plant aber gleichzeitig höhere Mindestlöhne ohne Ausnahmen für Saisonkräfte. Das passt nicht zusammen – so treibt man viele Obst- und Weinbaubetriebe in unserer Region in die Aufgabe.
Wie optimistisch sind Sie für die Zukunft von familiengeführten Höfen und Betrieben in der Region seit dem Regierungswechsel?
Rukwied: Trotz aller Herausforderungen bin ich grundsätzlich optimistisch. Unsere Betriebe sind innovativ, anpassungsfähig und tief in der Region verwurzelt. Wenn Politik und Gesellschaft mitziehen, wenn Wertschätzung wieder stärker in Wertschöpfung übersetzt wird, dann bin ich überzeugt, dass die Agrarbranche in Heilbronn-Franken auch künftig eine tragende Rolle spielt – für die Region, für die Umwelt und vor allem für die Ernährungssicherheit.
Interview von Natalie Kotowski
Info
Seit 2012 ist der Heilbronner Landwirt Joachim Rukwied Präsident des Deutschen Bauernverbandes. Zudem führt er seit 1994 in achter Generation den elterlichen Hof in Eberstadt weiter.


