Selbst hoch qualifizierte Frauen trauen sich seltener eine Karriere in Wissenschaft und Wirtschaft zu, stellt die Heilbronner DHBW-Professorin und -Gleichstellungsbeauftragte Yvonne Zajontz immer wieder fest. Mit einem Film, bei dem Regisseur Andreas Kröneck Regie führte, machen sie und ihre Mannheimer Kollegin Mut zur Professur.

Frau Prof. Dr. Zajontz, nur 25 Prozent der Professuren an den Standorten der DHBW Baden-Württemberg sind weiblich besetzt. Das wollen Sie und Ihre Mannheimer Kollegin Prof. Kathrin Kölbl ändern. Sie haben das landesweit einzigartige Filmprojekt „Dein Platz ist hier. Werde Professorin!“ im Rahmen der Kampagne „The Länd“ initiiert. Was erhoffen Sie sich?
Prof. Dr. Yvonne Zajontz: Mein Wunsch wäre, dass Frauen sich in dem Film wiederfinden. Dass sie sagen: Mensch, ich kann das auch. Als Gleichstellungsbeauftragte der DHBW Heilbronn bin ich in jedes Berufungsverfahren für Professuren involviert. Wenn ich sehe, dass zum Beispiel eine Professur in Wirtschaftsinformatik ausgeschrieben wird und sich 25 Personen bewerben, darunter aber nur drei Frauen, weiß ich: Es ist rein statistisch relativ unwahrscheinlich, dass eine Frau einen Ruf für eine Professur erhält. Deshalb müssen wir es schaffen, dass sich mehr Frauen auf Professuren bewerben. Denn sie können das. Sie sind hoch qualifiziert. Trotzdem machen sie es nicht.
Warum?
Zajontz: Weil sie es sich oftmals nicht zutrauen. Vielleicht auch, weil Vorbilder fehlen. Das heißt: Am Ende muss der Call-to-Action stehen: Geht das an, bewerbt Euch. Es ist leichter, als ihr denkt!
„Chancengleichheit muss von oben gelebt werden“
Haben Sie sich denn als junge Frau nach dem Abitur vorstellen können, später als Professorin an einer Hochschule zu arbeiten?
Zajontz: Nach dem Abitur war das für mich gar keine Option. Ich war in der Schule zwar schon immer engagiert, habe gern referiert und einiges ehrenamtlich gemacht. Mein Weg in die Wissenschaft hat sich aber erst im Verlauf des Studiums herauskristallisiert. Dort war ich Vorsitzende im Forschungskreis und habe bemerkt, dass mir Dozieren Spaß macht. Oft sind bei weiblichen Karrieren individuelle Faktoren ausschlaggebend: Bei mir war es mein damaliger Professor, der meine Diplomarbeit betreut hat. Er fragte, ob ich mir vorstellen könnte zu promovieren. Sonst wäre ich diesen Weg vielleicht nicht gegangen. Aber der Weg war nicht gradlinig – es gibt in der Wissenschaft auch immer wieder Rückschläge.
Was hat Ihnen geholfen, trotzdem weiterzugehen?
Zajontz: Ich habe im Studium und später während meiner Promotion sehr von Mentoringprogrammen profitiert. Zusätzlich habe ich viele Workshops zum Thema Selbststärkung und Qualifikation zur Professur belegt, um zu verstehen, wie akademische Karrieren funktionieren. Wenn hoch qualifizierte Frauen – und das gilt in der freien Wirtschaft genau wie für Professuren – eine Stellenanzeige sehen und merken, sie können einen Punkt des Anforderungsprofils vielleicht nicht erfüllen, dann bewerben sie sich oftmals gar nicht erst. Bei Männern ist das anders. Viele sagen, selbst wenn Kompetenzen nicht 100-prozentig passen: Egal, ich probier‘s.
Und selbst wenn „alles passt“, stoßen viele Frauen in Unternehmen immer noch an die so genannte „gläserne Decke“.
Zajontz: Da gibt es zwischen Wirtschaft und Wissenschaft auf jeden Fall Ähnlichkeiten. Vielfalt oder Diversität sind kein nice to have. Wenn wir die Hälfte der Bevölkerung außen vor lassen, gehen uns Innovation und Zukunftsfähigkeit verloren. Wir brauchen die Potenziale hoch qualifizierter Frauen. Aber Chancengleichheit muss von oben gelebt werden. Das ist das Allerwichtigste. Wir haben hier in Heilbronn an der DHBW großes Glück – das würde ich mir in der Wirtschaft auch noch mehr wünschen. Noch sind sehr viele Männer in den Vorständen oder Geschäftsführungen, die das Thema nicht verstanden haben.
Den Frauen zeigen, dass sie etwas bewegen können
Wovor haben die Herren Angst?
Zajontz: Am Ende geht es um Macht und ihr Selbstverständnis: Ich entscheide am liebsten selbst. Das habe ich schon öfters erlebt. Dabei kann Macht ja durchaus etwas Positives sein: Macht, zu gestalten. Freiheit.
Viele Frauen haben offenbar ein anderes Selbstbild. Gerade ging die Glanzleistung von Ron Straßburg durch die Medien, der sein Juraexamen mit sensationellen 18 Punkten bestand. Daraufhin meldeten sich in den sozialen Medien viele, die weibliche Absolventen mit 18 Punkten kennen.
Zajontz: Ja – das zeigt, dass sich Frauen weniger selbst vermarkten. Personal Branding fehlt den Frauen oftmals im Vergleich zu Männern, die mit ihren Leistungen an die Öffentlichkeit gehen und über ihre Erfolge berichten.
Was schlussfolgern Sie daraus?
Zajontz: Frauen brauchen eine andere Art der Ansprache. So kam auch die Idee zu dem Film zustande – um die richtige Form der Ansprache zu finden. Der Film zeigt, wie vielfältig die Frauen sind. Sie treten ganz unterschiedlich auf, haben schräge Hobbys wie Hühnerzucht oder Igelpflege. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind clever, haben einen hohen Intellekt und die Leidenschaft für Wissenschaft. Und das vereint uns. Ich glaube, solche Art von Ansprache braucht es, damit Frauen merken: Mensch, ich gehöre dazu, ich bin vielleicht auch nicht Mainstream, habe Kinder und bin vielleicht sogar kurz davor zu entbinden, aber ich kann mich trotzdem bewerben.
Der Film „Dein Platz ist hier!“ soll Frauen ermuntern sich für eine Professur zu bewerben
Für „Dein Platz ist hier!“ haben Sie den renommierten Regisseur und Produzenten Andreas Kröneck vom Filmstudio HNYwood gewonnen. Wie kam es dazu?
Zajontz: Ich kannte Andreas, und ich kenne natürlich seine Filme. Wir haben uns die Vorschläge mehrerer Agenturen angeschaut. Und ehrlich gesagt, für mich war Andreas dabei ganz weit vorn. Kathrin Kölbl und ich haben dann Gelder aus unserem Gleichstellungsbudget in einen Topf geworfen, damit wir ein gewisses Budget haben. Und wir haben viel selbst auf die Beine gestellt.
In der Tat: Sie haben 46 DHBW-Professorinnen aus dem ganzen Land zusammengetrommelt, den Dreh organisiert, ein Netzwerktreffen am Vorabend geplant und sogar eine Visagistin engagiert. An nur einem Tag entstand der siebenminütige Film. Was war dabei die größte Herausforderung?
Zajontz: Alles für einen so engen Zeitplan zu managen, war enorm. Kathrin Kölbl und ich haben das Skript geschrieben. Allein dafür haben wir uns zwei Tage eingeschlossen. Wir haben nicht gewusst, ob unsere Idee funktioniert – denn sie funktioniert nur einmal. Glücklicherweise hat Andreas Kröneck sofort verstanden, worauf es uns ankommt. Er ist unwahrscheinlich kreativ, authentisch, und kann wunderbar mit Menschen umgehen.
Im Film beantworten die Frauen scheinbar einfache Fragen, etwa: „Wer von Ihnen fühlt sich vor der Kamera unwohl?“ oder „Wer hat Kopfschütteln erlebt, als er zum ersten Mal mitteilte, Professorin werden zu wollen?“ Die Mehrheit war offenbar nicht von Anfang an selbstsicher in die Bewerbung gegangen. Woran liegt das?
Zajontz: Es sind strukturelle, kulturelle Faktoren, die beeinflussen, dass sich Frauen nicht bewerben. Zunächst einmal liegen die Professuren nicht auf der Straße. Außerdem gibt es in Deutschland das Prinzip der Bestenauslese. Es gibt in der Wissenschaft zwar keine Frauenquote, und das ist auch gut so. Es geht um Leistung, dafür bin ich absolut. Aber immer noch existiert dieses alte Rollenbild eines Professors als älteren Herren, der Tag und Nacht über seinen Büchern sitzt. Das entspricht natürlich nicht der Realität.
Viele wissen nicht, was eine Professur ausmacht
Das Bild, dass Professur und Familie nicht gut zusammenpassen, wirkt zementiert. Warum?
Zajontz: Es geht um Vereinbarkeit. Karrierewege in der Wissenschaft sind unsicher, die wissenschaftlichen Mitarbeitenden haben befristete Verträge. Die laufen irgendwann aus – und dann muss der nächste Schritt kommen. Dann ist man oftmals schon Mitte 30. Die Verunsicherung merke ich selbst in Gesprächen. Da sagen Frauen: Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Und dann auch noch mit Kind. Ich glaube, es fehlt vielen einfach das Wissen, was eine Professur eigentlich ausmacht.
Was macht denn eine Professur aus?
Zajontz: Man ist seine eigene Chefin, bestimmt sein Leben selbst. Klar ist: Ich muss meine Vorlesungen machen. Daran werde ich gemessen. Aber ich kann selbst entscheiden, welche Themen ich besetzen möchte, woran ich forsche und ob ich mich in Gremien engagiere. Ein Semester besteht an der DHBW als staatlicher Dualer Hochschule aus drei Monaten Praxis und drei Monaten Theorie. Als Professorin kann jede Frau ihre Vorlesungen so planen, wie sie es möchte und in ihre Lebensrealität passt. Für Mütter ermöglicht das eine geniale Flexibilität.
Und welches Geschlecht sollte sich den Film aus Ihrer Sicht eher ansehen: Frauen oder Männer?
Zajontz: Beide. Es ist wichtig, Frauen zu ermutigen. Aber auch, Männer darauf aufmerksam zu machen, dass strukturelle Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, in denen Frauen gleichberechtigt agieren können. Oftmals sind sich Männer gar nicht bewusst, dass es Ungleichheiten gibt. Erst, wenn man mit ihnen über das Thema diskutiert, geben einige zu: Oh, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Auch das soll der Film authentisch zeigen. Denn erst, wenn ich mich als Gleichstellungsbeauftragte irgendwann überflüssig gemacht habe, haben wir es geschafft.
Interview von Natalie Kotowski

Zur Person
Prof. Dr. Yvonne Zajontz ist Gleichstellungsbeauftragte an der DHBW Heilbronn und leitet den Studiengang BWL mit Schwerpunkt Dienstleistungsmanagement Media, Vertrieb und Kommunikation.


