Eine neue Studie der Hans-Böckler-Stiftung bilanziert anhand von knapp 30 Indikatoren den Stand der Gleichstellung am Arbeitsmarkt. Das Ergebnis: Der Abstand von Frauen und Männern bei Einkommen und Rente ist kleiner geworden. Doch bei Erwerbsbeteiligung, Arbeitszeiten, Arbeitsbelastung und der Verteilung von Sorgearbeit bleiben Frauen – insbesondere Mütter – deutlich im Nachteil.

Wie hat sich die Lage von Frauen und Männern im Berufsleben zuletzt entwickelt? Wie groß sind die bestehenden Ungleichheiten, wo wurden Fortschritte bei der Gleichstellung erzielt, wo herrscht Stillstand? Diesen Fragen widmen sich Dr. Yvonne Lott vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung sowie Svenja Pfahl und Eugen Unrau vom Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer (SowiTra) in einer Studie.
Auf Basis von knapp 30 zentralen Indikatoren aus dem WSI-Genderdatenportal legen sie einen Report vor, der anhand der aktuell verfügbaren amtlichen Daten den Stand der Gleichstellung bilanziert. Die zentralen Befunde: Zwar hat sich der Rückstand von Frauen bei Einkommen und Rente verringert, bei Erwerbsbeteiligung, Arbeitszeiten, Arbeitsbelastung und der Verteilung von Sorgearbeit sind sie jedoch weiterhin deutlich im Nachteil. Dies berichtet die Hans-Böckler-Stiftung in einer Mitteilung.
„Es bestehen weiterhin deutliche Unterschiede am Arbeitsmarkt zwischen Frauen und Männern. Die Geschlechterungleichheiten fallen besonders deutlich aus, wenn Kinder mit im Haushalt leben“, berichten die Forschenden.
Höhere Belastung und seltenere Erwerbstätigkeit bei Müttern
Die Erwerbsbeteiligung von Frauen ist sieben bis acht Prozentpunkte niedriger als die der Männer – ein Abstand, an dem sich in den letzten Jahren kaum etwas verändert hat. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Elternschaft: Väter in Deutschland sind deutlich häufiger erwerbstätig als Mütter. Leben Kinder im Haushalt, ist der Anteil der Paare mit einem männlichen Alleinverdiener doppelt so hoch wie bei Paaren ohne Kinder. Eine Vollzeit-Vollzeit-Konstellation stellt nur in kinderlosen Paarhaushalten das dominierende Arbeitszeitmuster dar.
Gleichzeitig sind abhängig beschäftigte Frauen in ihrer Erwerbsarbeit stark belastet. Sie leiden deutlich häufiger als Männer unter Arbeitsunterbrechungen, Zeitdruck und der Kontrolle ihrer Gefühle bei der Arbeit. Nach Einschätzung der Forschenden hängt das damit zusammen, dass überdurchschnittlich viele Frauen in sozialen, erzieherischen und dienstleistungsorientierten Berufen tätig sind, in denen der direkte – und nicht immer einfache – Kontakt mit Menschen im Mittelpunkt steht.
Frauen arbeiten öfter in Teilzeit als Männer
Der Gender Working Time Gap – also der Unterschied zwischen den durchschnittlichen Erwerbsarbeitszeiten von Frauen und Männern – liegt derzeit bei 7,5 Stunden pro Woche. Seit etwa 15 Jahren geht dieser Abstand leicht zurück, was vor allem auf den langsamen Rückgang der Arbeitszeiten von Männern zurückzuführen ist.
Ein wesentlicher Grund für die Differenz bei den Erwerbsarbeitszeiten ist der höhere Anteil teilzeitbeschäftigter Frauen. Fast jede zweite erwerbstätige Frau, aber nur etwa jeder achte Mann, arbeitet in der Regel weniger als 32 Stunden pro Woche. Zudem sind knapp 60 Prozent der Personen, die ausschließlich einen Minijob ausüben, Frauen.
Frauen mit Kindern arbeiten 1,7-mal so häufig in Teilzeit wie Frauen ohne Kinder. Männer mit Kindern sind hingegen seltener in Teilzeit beschäftigt als Männer ohne Kinder. Auch die Lebensphase ist entscheidend: Ab dem 30. Lebensjahr wechseln Frauen deutlich häufiger in Teilzeit, während Männer in diesem Alter fast durchgehend in Vollzeit arbeiten.
Die Gründe unterscheiden sich: Frauen führen deutlich häufiger Betreuungsaufgaben als Anlass für eine Reduzierung der Arbeitszeit an, während Männer eher fehlende Vollzeitstellen oder Aus- und Fortbildungszeiten als Ursache für ihre Teilzeitbeschäftigung nennen. Besonders ausgeprägt sind diese Unterschiede bei Frauen mit Kindern im Vergleich zu Männern mit Kindern.
Mehr Sorgearbeit und längere Elternzeit für Frauen
Erwerbstätige Mütter und Väter leisten im Durchschnitt jeweils eine Gesamtarbeitszeit von 60 Stunden pro Woche. Bei Müttern setzt sich diese sehr lange Arbeitswoche zu 60 Prozent aus unbezahlter Haus- und Sorgearbeit zusammen, bei Vätern hingegen zu 60 Prozent aus bezahlter Erwerbsarbeit. Deutlich geringer sind die Gesamtarbeitszeiten bei Frauen und Männern ohne Kinder: Sie liegen bei 52 beziehungsweise knapp 51 Stunden pro Woche.
Mütter wenden 1,8-mal so viel Zeit für Haus- und Sorgearbeit auf wie Frauen ohne Kinder. Insgesamt übernehmen Frauen rund zwei Drittel der Kinderbetreuungszeiten, Männer etwa ein Drittel. Vor diesem Hintergrund empfinden Männer die Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringen, häufiger als zu kurz, während Frauen mit Kindern eher ihre Erwerbsarbeitszeit als zu kurz einschätzen.
Knapp die Hälfte der Väter und fast alle Mütter nehmen derzeit Elterngeld in Anspruch, wobei in den vergangenen Jahren Steigerungen der Väterbeteiligungsquote zu verzeichnen waren. Die meisten Mütter gehen für zehn bis vierzehn Monate in Elternzeit. Die Mehrheit der Väter entscheidet sich für eine Elternzeitdauer von zwei Monaten.
Gender Pay Gap und Gender Pension Gap
Der Gender Pay Gap betrug im Jahr 2024 erstmals „nur“ 16 Prozentpunkte, lag damit jedoch weiterhin deutlich über dem EU-Durchschnitt von zwölf Prozentpunkten. Derzeit erhalten Frauen in Deutschland bei vergleichbarer Tätigkeit und Qualifikation im Schnitt 4,10 Euro weniger pro Arbeitsstunde als Männer. Zudem erzielen vollzeitbeschäftigte Frauen 1,5-mal so häufig wie ihre männlichen Kollegen ein Bruttomonatsentgelt, das unter 2530 Euro und somit im unteren Einkommensbereich liegt.
Nur knapp jede zweite abhängig beschäftigte Frau kann ihre eigene Existenz langfristig aus ihrem Erwerbseinkommen bestreiten, während dies immerhin rund drei Viertel der abhängig beschäftigten Männer schaffen. Ein Einkommen zu erzielen, das langfristig sowohl die eigene Existenz sichert als auch die eines Kindes, gelingt sogar nur etwa einem Drittel der abhängig beschäftigten Frauen und rund der Hälfte der Männer.
Die geringeren Einkommen von Frauen kumulieren sich im Laufe des Erwerbslebens. Daher bleibt der Gender Pension Gap trotz eines schrittweisen Rückgangs in den vergangenen drei Jahrzehnten weiterhin deutlich. Im Jahr 2023 lag die Alterssicherung von Frauen im Durchschnitt um 43 Prozent unter der von Männern.
Red.
Zur Studie
Die Studie „Stand der Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland: Fokus Sorgearbeit“ erschien im Februar 2026 im WSI Report Nr. 109.


