Regeneration als Teil von Höchstleistung: Magdalena Neuner über einen zeitgemäßen Leistungsbegriff

Der Begriff Leistung steht heute oft in der Kritik: Burnout-Zahlen steigen, das Prinzip „höher, schneller, weiter“ stößt an Grenzen. Wie man dennoch Freude daran findet, erklärt die ehemalige Biathlon-Weltmeisterin Magdalena Neuner.

Magdalena Neuner
Die ehemalige Biathlon-Weltmeisterin Magdalena Neuner spricht über Freude am Leisten und die Bedeutung von Balance. Foto: Lucas Pretzel

Sie sprechen auf dem Weltmarktführergipfel über Freude am Leisten. Wenn wir heute über Leistung reden – was bedeutet dieser Begriff für Sie?

Magdalena Neuner: Leistung bedeutet für mich heute nicht mehr nur ein messbares Ergebnis, sondern die innere Haltung, mit der ich an Aufgaben herangehe. In meiner aktiven Zeit war Leistung eng an Medaillen und Platzierungen gekoppelt. Heute verbinde ich Leistung mit Sinn, Verantwortung und der Fähigkeit, das eigene Potenzial langfristig und gesund einzusetzen. Freude entsteht dann, wenn Leistung nicht aus Druck, sondern aus Überzeugung und innerer Motivation entsteht.

In Ihrem Buch schreiben Sie von einem Startschuss in ein neues, echtes Leben nach der Sportkarriere: Wie hat dieser Übergang Ihre Sicht auf Leistung verändert – und was können Führungskräfte daraus lernen?

Neuner: Der Übergang hat mir sehr deutlich gezeigt, wie stark Leistung im Spitzensport fremdbestimmt ist – durch Erwartungen, Strukturen und äußere Bewertungen. Nach dem Karriereende musste ich für mich den Begriff Leistung neu definieren: nicht mehr für andere, sondern aus mir heraus. Führungskräfte können daraus lernen, dass nachhaltige Leistungsfähigkeit nur entsteht, wenn Menschen Sinn, Autonomie und Entwicklungsmöglichkeiten erleben – gerade in Zeiten von Transformation und Unsicherheit.

Was zeitgemäße Leistung ausmacht

Sie erlebten, wie stark Erfolg die Wahrnehmung anderer steuert. Sehen Sie Parallelen zur Wirtschaft?

Neuner: Ja, diese Parallelen sehe ich sehr deutlich. Im Spitzensport wird man schnell auf seine Performance reduziert – solange man liefert, funktioniert das System. Ähnlich erleben viele Mitarbeitende in Unternehmen, dass sie vor allem als Ressource wahrgenommen werden. Das ist kurzfristig effizient, aber langfristig riskant. Menschen sind keine austauschbaren Leistungsträger, sondern Persönlichkeiten mit individuellen Stärken und Grenzen.

Ist das klassische Leistungsprinzip „höher, schneller, weiter“ noch zeitgemäß?

Neuner: Dieses Prinzip hat uns lange vorangebracht, stößt heute aber an klare Grenzen. Dauerhafte Steigerung ohne Regeneration führt im Sport wie in der Wirtschaft zu Überlastung, Motivationsverlust und Ausfällen. Zeitgemäße Leistung bedeutet für mich, klug mit Energie umzugehen, Prioritäten zu setzen und Qualität über permanente Steigerung zu stellen.

Welche Faktoren haben Ihrer Meinung nach dazu geführt, dass das Leistungsprinzip heute hinterfragt wird?

Neuner: Wir erleben eine Verdichtung von Krisen: Digitalisierung, Fachkräftemangel, gesellschaftlicher Wandel und eine wachsende Sensibilität für mentale Gesundheit. Gleichzeitig zeigen steigende Burnout-Zahlen, dass das alte Leistungsverständnis nicht mehr trägt. Diese Entwicklungen zwingen uns, Leistung ganzheitlicher zu betrachten – körperlich, mental und emotional.

Nachhaltige Leistung im Einklang mit den eigenen Werten

Sind Unternehmen, die auf Balance und Nachhaltigkeit setzen, langfristig erfolgreicher?

Neuner: Davon bin ich überzeugt. Nachhaltige Leistungsfähigkeit entsteht dort, wo Menschen sich entwickeln können und nicht dauerhaft über ihre Grenzen gehen müssen. Im Spitzensport ist Regeneration ein selbstverständlicher Teil von Höchstleistung – in Unternehmen wird sie oft unterschätzt. Wer Balance ermöglicht, investiert in Stabilität, Loyalität und langfristigen Erfolg.

Wie gehen Sie persönlich mit Rückschlägen um – und was können Unternehmen daraus lernen?

Neuner: Rückschläge gehören untrennbar zu jeder Entwicklung. Entscheidend ist, wie man mit ihnen umgeht. Ich habe gelernt, Niederlagen nicht als persönliches Scheitern zu sehen, sondern als Feedback. Unternehmen können daraus lernen, eine Kultur zu schaffen, in der Fehler nicht tabuisiert, sondern als Lernchance verstanden werden.

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis im Umgang mit Leistung und Erfolg?

Neuner: Meine wichtigste Erkenntnis ist, dass echte Leistung nur dann nachhaltig ist, wenn sie im Einklang mit den eigenen Werten steht. Erfolg ohne innere Stabilität ist fragil. Führungskräften rate ich, nicht nur Ergebnisse zu managen, sondern Menschen zu führen – mit Klarheit, Vertrauen und einem Blick für das große Ganze.

Interview von Teresa Zwirner


Zur Person

Magdalena Neuner zählt zu den erfolgreichsten Biathletinnen der Welt. Sie gewann zwölf Weltmeistertitel und zweimal olympisches Gold, bevor sie 2012 ihre Karriere beendete. Heute ist sie Autorin, Speakerin und Beraterin für mentale Stärke und nachhaltige Performance. Zudem engagiert sie sich in der Peak Performer Stiftung, die sich für die Förderung von Gesundheit, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung einsetzt.


Mehr zum Thema

Weltneuheiten

Die Macht der leisen Innovations-Champions: Wie Heilbronn-Frankens Unternehmen Weltneuheiten ohne Coups landen

Die Hidden Champions in Heilbronn-Franken schaffen im Verborgenen Weltneuheiten und große Schritte für Kunden und Nutzer – ohne lautstark nach …
Stipendiaten-Programm in Heilbronn

Doppelte Spitzenleistung: Heilbronner Stipendiatin verbindet Bundesliga-Sport und KI-Studium

Spitzensport in der 1. Bundesliga und KI-Studium? Mia Scharpf zeigt, wie in der Region beides möglich ist. Ein neues Stipendiaten-Programm …
Olympiasiegerin Carina Bär-Menningen

„Erfolg ist immer Teamarbeit“: Ruder-Olympiasiegerin Carina Bär-Menningen im Interview

Carina Bär-Mennigen hat zwei Karrieren gemeistert, die Disziplin, Ausdauer und mentale Stärke verlangen. Im Interview spricht die Olympiasiegerin und Ärztin …