„Tiefe Sehnsucht nach etwas Greifbarem“: Warum junge Menschen wieder stärker auf Ausbildung setzen

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ zeigt, dass junge Menschen den Arbeitsmarkt heute kritischer prüfen und stärker auf konkrete Chancen setzen. Jugendforscher Simon Schnetzer erklärt im Interview, was hinter dieser Entwicklung steckt.

Simon Schnetzer
Schnetzer erklärt, warum Sicherheit für die Generation Z an Bedeutung gewinnt. Foto: Marc-Steffen Unger

Ihre aktuelle Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ zeigt eine Verschiebung der Erwartungen junger Menschen an Arbeit und Ausbildung. Welche Entwicklungen sind derzeit besonders prägend?

Simon Schnetzer: Insgesamt erleben junge Menschen, dass sich ihre Chancen am Arbeitsmarkt gegenüber 2024 und 2025 deutlich verschlechtert haben. Schaut man genauer, haben sich die Chancen bei Studierenden ganz besonders eingetrübt. Bei Auszubildenden und dual Studierenden, die bereits im Arbeitsleben angekommen sind, sind auch die Chancen recht stabil. Daher setzen junge Menschen wieder mehr auf sichere Perspektiven, die sie sowohl im Handwerk als auch im öffentlichen Dienst suchen.

Das deckt sich mit den Ergebnissen in Ihrer Studie, wonach die berufliche Ausbildung wieder attraktiver wird. Woran liegt das aus Sicht der jungen Generation?

Schnetzer: Die zunehmende Digitalisierung führt dazu, dass qualifizierte Tätigkeiten, die bisher ein Studium vorausgesetzt haben, immer häufiger durch eine KI geleistet werden können und ein Studium nicht die Garantie für mehr Wohlstand bieten kann. Diese Erkenntnis setzt sich zunehmend sowohl bei Jugendlichen als auch ihren Eltern durch. Aktuell starten auch viele Hochschulabsolventen eine Ausbildung, weil sie trotz gutem Abschluss keinen Job bekommen und das spricht sich herum.

Haptische Tätigkeiten als Antwort auf Unsicherheit

Bedeutet diese Entwicklung aus Ihrer Sicht eine Neubewertung der dualen Ausbildung – weg vom oft propagierten „Studium als Königsweg“ hin zu vielfältigeren, gleichwertigen Bildungswegen?

Schnetzer: Sehr gut beschrieben. Genau das bedeutet es, wobei im Moment noch nicht klar ist, welche Bildungswege in Zukunft gleichwertig sein werden. Die Frage ist nicht nur, ob Ausbildung oder Studium, sondern welche Ausbildung oder wo das Studium erfolgt. Wir sehen aber schon jetzt sehr deutlich, dass die mentale Belastung und die beruflichen Perspektiven von Studierenden wesentlich schlechter bewertet werden als von Auszubildenden und von dual Studierenden. 

Inwiefern tragen Praxisnähe und klare Berufsbilder dazu bei, dass Auszubildende und dual Studierende ihre Situation positiver bewerten als klassische Studierende?

Schnetzer: Aus diesen Wünschen spricht die tiefe Sehnsucht nach etwas Greifbarem als Gegenbewegung zu der großen Verunsicherung aufgrund von Krisenmodus, KI-Transformation und Zukunftsängsten. Eine haptische Tätigkeit zusammen mit anderen Menschen hilft, die hohe mentale Belastung besser in den Griff zu bekommen.

„Die junge Generation ist nicht faul“

Sie beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit der Generation Z. Welche Werte prägen junge Menschen heute besonders im Hinblick auf Arbeit und Karriere?

Schnetzer: Bezahlte Überstunden als Top-Benefit bringt die zentralen Werte junger Menschen in Bezug auf Arbeit und Karriere prägnant auf den Punkt. Junge Menschen sind extrem leistungsbereit, wenn Unternehmen und Führungskräfte es schaffen, sie richtig abzuholen und zu führen. Da sie aber nicht auf die Erfüllung der Work-Life-Balance im Ruhestand vertrauen, holen sie sich diese im Jetzt. Persönliche Weiterentwicklung und ein hoher Stellenwert von Ausgleich spielen da eine große Rolle. 

Trotz dieser Stärken wird die Generation Z im öffentlichen Diskurs häufig als ‚faul‘ dargestellt. Wie bewerten Sie dieses Bild?

Schnetzer: Die junge Generation ist nicht faul. Und was sie von Arbeitgebern erwartet, unterscheidet sich wenig von den Bedürfnissen älterer Menschen. Der Unterschied ist jedoch, dass sie sich traut, ihre Bedürfnisse einzufordern. Damit kommen einige nicht gut klar. Gleichzeitig beurteilen junge Menschen die Arbeitswelt und ihre Erwartungen oft aufgrund eines durch Social Media geprägten Verständnisses von Normalität, das mit der Realität kaum vereinbar ist. Es braucht wie so oft ein Entgegenkommen von beiden Seiten für Verständnis und ein gutes Miteinander.

Junge Menschen aktiv einbeziehen

Inwiefern stellt die neue Klarheit in den Erwartungen für Unternehmen und Ausbildungsbetriebe auch eine Chance dar?

Schnetzer: Für Ausbildungsbetriebe kann das ganz konkret bedeuten, dass sie wieder mehr und höher qualifizierte Bewerbungen bekommen. Ab einer gewissen Größe kann es sich lohnen, auch ein Trainee-Programm für Absolventen anzubieten. Junge Menschen wissen sehr genau, welche Futureskills sie erwarten, von Geld über mentale Gesundheit bis hin zu Künstlicher Intelligenz. Da junge Menschen das selten mitbringen, können Unternehmen sich mit einem solchen Angebot auch attraktiv präsentieren.

Wo sehen Sie die wichtigsten Hebel, um Ausbildung heute glaubwürdig und attraktiv zu gestalten?

Schnetzer: Der größte Hebel ist der, der es schon immer war: Indem junge Menschen einbezogen werden – sowohl aktuelle Auszubildende als auch potenzielle Interessierte – lassen sich Ausbildung und deren Bewerbung kontinuierlich verbessern. So ähnlich wie unsere Zukunftsgestalter-Workshops, damit die junge Zielgruppe unternehmerisch denkend die Herausforderungen des Unternehmens löst.

Interview von Teresa Zwirner

Simon Schnetzer
Foto: Marc-Steffen Unger

Zur Person

Simon Schnetzer ist ein deutscher Jugendforscher, der sich mit den Einstellungen und Lebensbedingungen junger Menschen beschäftigt. Bekannt ist er vor allem durch seine Trendstudie „Jugend in Deutschland“. Die aktuelle Studie 2026 zeigt, dass sich junge Menschen vor allem sichere Jobs, faire Bezahlung und eine gute Work-Life-Balance wünschen.


Weitere Informationen

Mehr Infos und Ergebnisse aus der aktuellen Trendstudie finden Sie im Artikel „Jugendstudie 2026: Was Unternehmen jetzt über die Generation Z wissen müssen“.

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