Die Zahl der Ausbildungsanfänge ist so niedrig wie seit 25 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig fehlen der Wirtschaft bis 2035 rund sieben Millionen Fachkräfte. Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, erklärt, warum die Lage am Ausbildungsmarkt ambivalenter ist, als viele denken.

Frau Nahles, im vergangenen Jahr sind so wenige junge Menschen in eine Ausbildung gestartet wie seit über einem Vierteljahrhundert nicht. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Andrea Nahles: Die wirtschaftliche Flaute kommt inzwischen auch spürbar auf dem Ausbildungsmarkt an und sie trifft insbesondere junge Menschen mit schlechteren Startbedingungen. Im vergangenen Berufsberatungsjahr wurden bis Ende September 26.000 Ausbildungsstellen weniger gemeldet, gleichzeitig suchten aber 13.000 Jugendliche mehr einen Ausbildungsplatz.
Das heißt, das Verhältnis dreht sich gerade?
Nahles: Genau. Zwar gibt es rechnerisch noch immer mehr Stellen als Bewerberinnen und Bewerber, doch der Abstand ist in den letzten Jahren deutlich geschrumpft. Die Schere geht also wieder zusammen. Besonders problematisch ist, dass mehr Bewerberinnen und Bewerber unversorgt geblieben sind, während zugleich weniger Ausbildungsplätze unbesetzt blieben.
Woran liegt das?
Nahles: Wir sehen dafür drei zentrale Ursachen: Ausbildungsangebote sind regional sehr unterschiedlich verteilt, nicht immer passen Berufswünsche und Ausbildungsstellen zusammen und der Einstieg ist deutlich schwieriger, wenn schulische Qualifikationen fehlen.
Wie sich die Zahl der Ausbildungsanfänge steigern lässt
Was tun Sie als Bundesagentur, um diese Lücke zu schließen?
Nahles: Unser Ziel ist klar: Kein junger Mensch soll verloren gehen. Deshalb setzen wir früh an – mit intensiver Berufsorientierung an Schulen, individueller Berufsberatung und praxisnahen Angeboten wie Praktika oder Einstiegsqualifizierungen. Für Jugendliche mit fehlendem oder schwachem Schulabschluss bieten wir gezielte Förderinstrumente an, etwa ausbildungsbegleitende Hilfen, assistierte Ausbildung oder vorbereitende Maßnahmen. Gleichzeitig unterstützen wir Betriebe dabei, auch jungen Menschen mit schwierigen Startbedingungen eine Chance zu geben.
Was braucht es darüber hinaus, um die Zahl der Ausbildungsanfänge wieder zu steigern?
Nahles: Zunächst brauchen wir wirtschaftliche Stabilität. Ausbildung ist immer auch eine Zukunftsinvestition – und die fällt Unternehmen schwerer, wenn Aufträge fehlen oder Unsicherheit herrscht.
Und auf Seiten der Jugendlichen?
Nahles: Da braucht es frühe Berufsorientierung, echte Einblicke durch Praktika und eine enge Begleitung derjenigen, die keinen oder nur einen schwachen Schulabschluss haben. Und: Junge Menschen müssen sich früher und intensiver um einen Ausbildungsplatz bemühen – die Konkurrenz um gute Plätze nimmt zu.
„Wir erleben derzeit mehrere Umbrüche gleichzeitig“
Sie warnen vor langfristigen Folgen für die Wirtschaft, wenn weniger Jugendliche eine Ausbildung beginnen. Was genau macht Ihnen dabei Sorgen?
Nahles: Mittelfristig ist die demographische Entwicklung für die Wirtschaft in Deutschland eine der großen Herausforderungen. Uns fehlen sieben Millionen Fachkräfte bis 2035. Deshalb ist es wichtig, auf Ausbildung und Qualifizierung zu setzen. Die Entwicklung bei den Ausbildungsplätzen geht, wenn wir auf den Fachkräftebedarf der Zukunft blicken, in die falsche Richtung.
Sie sprechen oft von einer „ambivalenten Situation“ aus Stellenabbau und Fachkräftemangel. Welche Rolle spielt denn die digitale Transformation dabei?
Nahles: Eine große. Wir erleben derzeit mehrere Umbrüche gleichzeitig: eine konjunkturelle Schwäche, den demografischen Wandel und eine tiefgreifende digitale Transformation. Digitalisierung und Automatisierung führen dazu, dass bestimmte Tätigkeiten wegfallen oder sich stark verändern. Gleichzeitig entstehen neue Aufgabenprofile, für die qualifizierte Fachkräfte fehlen.
Diese Ambivalenz zeigt: Es geht weniger um ein „Zuviel“ oder „Zuwenig“ an Arbeit, sondern um Passgenauigkeit von Qualifikationen. Genau hier setzen Weiterbildung, Umschulung und moderne Berufsorientierung an. Das ist eine zentrale Aufgabe für die nächsten Jahre.
Der Ausbildungsmarkt in Heilbronn-Franken
Einige Jugendliche befürchten, KI könnte ihnen „den Job wegnehmen“. Wie berechtigt ist diese Sorge?
Nahles: Ich nehme diese Sorgen ernst, halte sie aber nicht für das ganze Bild. KI wird Arbeit verändern, nicht pauschal vernichten. Viele Tätigkeiten werden unterstützt, erleichtert oder qualitativ aufgewertet.
Oder es entstehen ganz neue Berufe …
Nahles: Genau. Entscheidend ist, dass wir junge Menschen befähigen, mit dieser Technologie umzugehen – kompetent und kritisch. Wer KI versteht und anwenden kann, hat künftig bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Blicken wir auf die Region Heilbronn-Franken: Spüren Sie dort ähnliche Rückgänge an Ausbildungsplätzen wie bundesweit?
Nahles: Ja, der Rückgang liegt mit etwa 5,1 Prozent nahe am Bundesdurchschnitt. Aber es gibt positive Ausnahmen: In Verkehr und Lagerei sowie Erziehung und Unterricht sind die gemeldeten Ausbildungsstellen gestiegen. Und das Handwerk verzeichnet ein Plus von sechs Prozent bei Ausbildungsverträgen – das ist ein gutes Zeichen.
KI-Kompetenzen in die duale Ausbildung integrieren
Viele Unternehmen der Region gelten als innovativ und früh digitalisiert. Welche Chancen sehen Sie dort, KI-Kompetenzen schon in der dualen Ausbildung zu verankern?
Nahles: Die Berufsschulen in Heilbronn, Schwäbisch Hall und Main-Tauber investieren – mit Unterstützung durch die Landkreise – in Automatisierungstechnik. Schülerinnen und Schüler haben so die Möglichkeit, moderne KI-Technologien praxisnah zu erleben und selbst mitzugestalten.
Dies ist ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunftstechnologie und praxisnahe KI-Bildung. Was muss die Bundesagentur für Arbeit künftig leisten, damit junge Menschen in dieser Transformation nicht verloren gehen?
Nahles: Die Bundesagentur für Arbeit wird sich noch stärker als Begleiterin über das gesamte Erwerbsleben verstehen. KI-gestützte Instrumente können helfen, Kompetenzen besser zu erkennen, Berufswege transparenter zu machen und individuelle Empfehlungen zu geben. Gleichzeitig bleibt persönliche Beratung unverzichtbar – gerade für Menschen mit schwierigen Startbedingungen.
Interview von Teresa Zwirner
Zur Person
Andrea Nahles ist seit August 2022 Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit. Zuvor prägte sie über viele Jahre die deutsche Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, unter anderem als Bundesarbeitsministerin, SPD-Generalsekretärin und erste weibliche SPD-Parteivorsitzende.
Info
Ab dem 16. März 2026 startet in Deutschland die „Woche der Ausbildung“. Mit unterschiedlichen Aktionen werben Arbeitsagenturen, Jobcenter und Jugendberufsagenturen gemeinsam mit ihren Partnerinnen und Partnern für betriebliche Ausbildung.


